- Trotz Krieg im Nahen Osten und 9 Prozent Kursverlust beim S&P 500 stieg die Cash-Quote deutscher Privatanleger nur um 0,3 Prozentpunkte – ein Zeichen erstaunlicher Reife.
- Energie-ETFs legten 8 Prozent zu, Gold erreichte neue Höchststände bei 5.410 USD – während Reise- und Autowerte deutlich verloren.
- Die alte Börsenweisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“ könnte diesmal nicht greifen: Längere Konflikte belasten Wachstum und Inflation nachhaltig.
Seit Ende Februar 2026 brennt der Nahe Osten. Die Straße von Hormus ist weitgehend blockiert, der Ölpreis kletterte über 100 Dollar, und die globalen Aktienmärkte taumelten. Doch während die Kurse purzeln, bleiben deutsche Anleger bemerkenswert ruhig. Die Daten von 450.000 flatex-Kunden zeigen: Keine Panikverkäufe, keine Flucht ins Bargeld. Diese Gelassenheit sagt viel über die gewachsene Reife der Privatanleger – aber auch darüber, welche Risiken möglicherweise unterschätzt werden.
Wie der Konflikt die Märkte erschüttert
Der Krieg begann am 28. Februar 2026 mit koordinierten Angriffen der USA und Israels auf iranische Ziele. Was als begrenzte militärische Operation geplant war, entwickelte sich rasch zu einem Flächenbrand. Iran reagierte mit Attacken auf Öl- und Gasinfrastruktur in den Golfstaaten. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, einem der wichtigsten Nadelöhre des globalen Energiehandels, kam nach Angaben des Joint Maritime Information Center nahezu zum Erliegen.
Die Reaktion der Märkte ließ nicht auf sich warten. Der S&P 500 sackte rund 9 Prozent unter sein Hoch, globale Aktien verloren im März etwa 6 Prozent. Der DAX erlebte seine schwächste Woche seit April 2025 mit einem Minus von 7 Prozent. Zwischenzeitlich fiel der deutsche Leitindex unter die Marke von 22.000 Punkten – ein Schock für viele Beobachter. Der EuroStoxx 50 büßte 2,3 Prozent ein, der MDax 2 Prozent.
Besonders hart traf es konjunkturabhängige Branchen. Volkswagen verlor 5 Prozent, BASF ebenfalls 5 Prozent. Reisewerte wie Lufthansa und TUI gerieten unter Druck, da höhere Kerosinpreise und Unsicherheit die Buchungen belasten. Selbst SAP, normalerweise als defensiv geltend, gab 3 Prozent nach. Die höheren Rohstoff- und Transportkosten fressen sich durch die gesamte Wertschöpfungskette.
Gewinner in der Krise: Energie, Rüstung und Gold glänzen
Während die breiten Märkte leiden, profitieren bestimmte Sektoren massiv vom Konflikt. Energie-ETFs schossen um 8 Prozent nach oben. Der Ölpreis (Brent) kletterte zeitweise auf 85,54 USD pro Barrel – der höchste Stand seit anderthalb Jahren. Gaspreise zogen ebenfalls an, was Energieproduzenten in die Karten spielt.
Rüstungswerte erlebten eine Renaissance. Hensoldt, spezialisiert auf Luftverteidigung, verzeichnete starke Zugewinne. Ottobock legte um 8 Prozent zu. Die Börse preist ein: Verteidigungsbudgets werden steigen, Nachfrage nach militärischer Ausrüstung wächst. Allerdings gaben einige Rüstungstitel nach anfänglichen Kurssprüngen wieder nach – ein Zeichen dafür, dass Anleger zwischen kurzfristiger Euphorie und nachhaltigen Geschäftsmodellen unterscheiden.
Gold erreichte neue Rekordstände bei 5.410 USD pro Feinunze, ein Plus von 2,5 Prozent. In Krisenzeiten bewährt sich das Edelmetall als sicherer Hafen. Auch Silber und der US-Dollar legten zu. Interessanterweise profitierte die Commerzbank-Aktie von Übernahmespekulationen durch die Unicredit – ein Beispiel dafür, dass selbst in turbulenten Zeiten unternehmensspezifische Geschichten die Kurse treiben können. Bayer zählte ebenfalls zu den Gewinnern, wenn auch aus anderen Gründen.
Die erstaunliche Ruhe deutscher Privatanleger
Hier wird es spannend: Trotz der Marktturbulenzen blieben deutsche Privatanleger außergewöhnlich gelassen. Die Analyse von 450.000 flatex-Kunden zeigt, dass die Cash-Quote lediglich um 0,3 Prozentpunkte stieg. Keine Panikverkäufe, kein massenhafter Ausstieg aus Aktien-ETFs. Diese Zahlen belegen eine bemerkenswerte Reife.
Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege, bringt es auf den Punkt: „Anleger, die von Anfang an auf einen zeitlich begrenzten Konflikt gesetzt und Ruhe bewahrt hatten, sehen sich bestätigt.“ Diese Gelassenheit speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen haben viele Privatanleger die Lehren aus vergangenen Krisen verinnerlicht. Die COVID-Pandemie 2020 zeigte: Wer durchhielt und sogar nachkaufte, wurde belohnt. Die Märkte erholten sich schneller als erwartet.
Zum anderen vertrauen Anleger auf die historische Erkenntnis, dass geopolitische Schocks meist temporär sind. Morgan Stanley hat berechnet, dass der S&P 500 nach Kriegsbeginn durchschnittlich 5,9 Prozent nach sechs Monaten und 8,4 Prozent nach zwölf Monaten zulegte. Die Börsenweisheit „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ hat sich oft bewährt. Jan Duisberg von ODDO BHF rät: „Nicht panisch aus ETFs aussteigen.“ Politische Börsen hätten kurze Beine – langfristig zählten Fundamentaldaten.
Diese Haltung zeugt von einem gewachsenen Verständnis für Marktzyklen. Deutsche Privatanleger agieren zunehmend wie institutionelle Investoren: strategisch, langfristig orientiert, weniger emotional. Die niedrige Cash-Quote-Veränderung ist ein Gradmesser für diese Entwicklung.
Warum die alte Börsenweisheit diesmal trügen könnte
Doch Vorsicht: Die Gelassenheit könnte sich als trügerisch erweisen. Die Börsenregel „Politische Börsen haben kurze Beine“ basiert auf der Annahme, dass Konflikte rasch beigelegt werden und die wirtschaftlichen Fundamentaldaten intakt bleiben. Beides ist beim Iran-Krieg fraglich.
Christoph Balz und Marco Wagner, Volkswirte der Commerzbank, warnen: „Eine knappe Woche nach Beginn des Iran-Kriegs ist sein Ende nicht absehbar.“ US-Präsident Donald Trump äußerte zwar Optimismus („In 4 Wochen ist es vorbei. Vielleicht früher.“), doch die Börse glaubt ihm nicht. Die Kämpfe dauern an, eine mögliche Bodenoffensive im Libanon steht im Raum, Waffenruhe-Versuche scheitern an gegenseitigen Vorwürfen.
Ein längerer Konflikt hätte gravierende wirtschaftliche Folgen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) senkte seine Wachstumsprognose für Deutschland 2026 von 1,2 auf 0,9 Prozent. IMK-Direktor Sebastian Dullien spricht von einem Risiko der Deindustrialisierung. Die Inflation im Euroraum liegt bereits bei 3 Prozent. Höhere Energiepreise könnten sie weiter anheizen – in einem Risikoszenario rechnet das IMK mit 3,1 Prozent Inflation und wirtschaftlichem Stillstand.
Die Europäische Zentralbank gerät in Zugzwang. Einerseits würde eine schwächelnde Konjunktur Zinssenkungen nahelegen. Andererseits zwingt steigende Inflation zu Vorsicht. Diese Zwickmühle könnte die Erholung verzögern. Anders als bei kurzen geopolitischen Schocks droht hier eine strukturelle Belastung: dauerhaft höhere Energiekosten, gestörte Lieferketten, geopolitische Unsicherheit, die Investitionen bremst.
Was ihr jetzt in eurem Portfolio prüfen solltet
Angesichts dieser Gemengelage empfiehlt sich eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die Commerzbank rät, die Diversifikation zu überprüfen. Seid ihr zu stark in konjunkturabhängigen Sektoren wie Automobil oder Chemie investiert? Diese Branchen leiden doppelt: unter höheren Rohstoffkosten und schwächerer Nachfrage. Eine Umschichtung in defensivere Bereiche kann Sinn ergeben.
Energie, Rüstung und Gold haben sich als Krisenprofiteure erwiesen. Doch Vorsicht vor blindem Herdentrieb. Energieaktien sind bereits stark gelaufen – ein Einstieg auf dem aktuellen Niveau birgt Risiken, falls der Ölpreis wieder fällt. Rüstungswerte profitieren langfristig von steigenden Verteidigungsbudgets, aber nicht alle Unternehmen sind gleich gut aufgestellt. Gold bleibt ein solider Baustein zur Portfolioabsicherung, sollte aber dosiert eingesetzt werden.
Inflationsschutz gewinnt an Bedeutung. Inflationsindexierte Anleihen oder Sachwerte wie Immobilien (über REITs) können helfen, die Kaufkraft zu erhalten. Auch Rohstoffe außerhalb von Energie – etwa Agrarrohstoffe – könnten interessant sein, da Lieferkettenprobleme die Preise stützen.
Liquidität ist Trumpf. Eine moderate Cash-Reserve gibt euch Handlungsspielraum. Sollten die Märkte weiter fallen, könnt ihr nachkaufen. Die flatex-Daten zeigen: Deutsche Anleger haben ihre Cash-Quote nur minimal erhöht. Das ist vernünftig, solange ihr nicht komplett investiert seid. Ein Puffer von 10 bis 20 Prozent des Portfolios in liquiden Mitteln bietet Flexibilität ohne Renditeverzicht.
Langfristig denken, kurzfristig wachsam bleiben
Die Gelassenheit deutscher Privatanleger ist beeindruckend und spricht für eine gestiegene Finanzbildung. Doch Gelassenheit darf nicht in Gleichgültigkeit umschlagen. Der Iran-Krieg unterscheidet sich von früheren geopolitischen Krisen durch seine Dauer und wirtschaftliche Tragweite. Die Blockade der Straße von Hormus, steigende Energiepreise und Inflationsdruck sind keine kurzfristigen Störfeuer, sondern potenzielle Strukturbrüche.
Historische Daten zeigen: Märkte erholen sich meist nach Kriegen. Aber „meist“ ist nicht „immer“. Die Bedingungen variieren. Wer langfristig investiert bleibt, handelt richtig – sofern das Portfolio robust aufgestellt ist. Diversifikation über Regionen, Sektoren und Anlageklassen bleibt das A und O. Setzt nicht alles auf eine Karte, auch nicht auf die Hoffnung, dass der Konflikt rasch endet.
Beobachtet die Entwicklungen. Sollte der Krieg eskalieren – etwa durch Eingreifen weiterer Akteure – könnten weitere Korrekturen folgen. Dann wäre Nachkaufen eine Option. Beruhigt sich die Lage, profitieren konjunkturabhängige Werte überproportional. Timing ist schwer, aber Vorbereitung nicht. Wer jetzt sein Portfolio durchleuchtet, Schwachstellen identifiziert und einen Plan hat, steht besser da als diejenigen, die erst bei neuen Schlagzeilen reagieren.
Wenn Gelassenheit auf Realismus trifft
Die Daten von flatex zeichnen das Bild einer neuen Generation von Anlegern: informiert, diszipliniert, langfristig orientiert. Diese Gelassenheit ist ein Gewinn für die Kapitalmarktkultur in Deutschland. Sie verhindert Panikreaktionen, die Märkte zusätzlich destabilisieren. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr, Risiken zu unterschätzen.
Der Iran-Krieg ist kein gewöhnlicher geopolitischer Schock. Die Kombination aus Energieblockade, Inflationsdruck und unklarer Kriegsdauer schafft ein Umfeld, das langfristige Folgen haben kann. Die Börsenweisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“ mag oft stimmen – aber nicht immer. Wer heute investiert bleibt, sollte dies mit offenen Augen tun: bewusst, diversifiziert und bereit, das Portfolio anzupassen, wenn sich die Lage ändert.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Gelassenheit deutscher Anleger gerechtfertigt war oder ob Wachsamkeit die bessere Strategie gewesen wäre. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte: Langfristig investiert bleiben, aber kurzfristig wachsam. Denn Märkte mögen politische Börsen schnell vergessen – aber nur, wenn die Politik ihnen auch die Chance dazu gibt.
finanzen.net – WOCHENAUSBLICK: Iran-Krieg hält die Dax-Anleger in Atem (dpa-AFX)
capital.de – Dax aktuell: Irankrieg sorgt für Kursverluste an den Aktienmärkten
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commerzbank.de – Iran-Konflikt: Was für Ihr Geld jetzt wichtig ist – Commerzbank
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marketscreener.com – Iran-Konflikt droht deutsches Wirtschaftswachstum abzuwürgen, so das IMK (Sebastian Dullien)
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