Im Sommer 2020 habe ich die klassische Werbebranche verlassen. Über 25 Jahre Agentur, mehrere Network-Stationen, zuletzt Europachef und Global Chief Growth Officer bei Spark44 (jetzt Accenture Song) – und dann Ausstieg auf eigenen Wunsch, hin zur Geschäftsführung des Immobilienunternehmens meiner Familie in Köln. Aus heutiger Sicht klingt der Schritt überlegt. Damals war er es nur halb. Ein Teil von mir wollte raus, weil ich das Gefühl hatte, dass ein international fordernder Job nicht mehr zu meinem Lebensmodell passte.

Ein Jahr später saß ich wieder am Schreibtisch eines Kommunikationsunternehmens. Als Managing Partner und Gesellschafter bei Eqolot, einer Berliner Tech-Plattform mit rund 42.000 Creatorn in der Datenbank. Die Fachpresse nannte das später meinen „Rücktritt vom Rücktritt“. Eine neue Welt, von der ich aus zwei Jahrzehnten klassischer Werbung erstaunlich wenig wusste. Genau das machte den Unterschied.

Was ich aus diesen zwölf Monaten Abstand mitgenommen habe, kann ich heute klarer benennen:  Ich bin angstfreier, anpassungsfähiger und gelassener im Umgang mit völlig neuen Herausforderungen. Das ist die Basis, auf der ich jetzt bei B+D arbeite. Und es ist der Grund, warum ich glaube, dass Brüche im Berufsleben gerade in dieser Zeit zum strategischen Kapital werden können.

Warum Sicherheit 2026 die teuerste Illusion ist

Ein kurzer Blick auf die Zahlenlage. Laut der aktuellen forsa-Studie für XING können sich nur noch 34 Prozent der Beschäftigten in Deutschland einen Jobwechsel vorstellen – der niedrigste Wert seit fünf Jahren. 58 Prozent entscheiden sich in der direkten Abwägung lieber für einen sicheren als für einen spannenden Job. Gleichzeitig schrumpft das Arbeitskräfteangebot in Deutschland 2026 laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals um rund 35.000 Personen. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) meldet: 36 Prozent der Unternehmen können offene Stellen nicht besetzen. Industrie und Maschinenbau bauen monatlich tausende sozialversicherungspflichtige Stellen ab, während Pflege, Bau und Erziehung händeringend suchen. KI verschiebt Aufgaben, ohne vorher Rücksprache zu halten.

Das ist keine konjunkturelle Schwäche. Das ist ein Markt, der gerade seine Karten neu mischt. Wer in dieser Phase auf Stillstand setzt, geht das Risiko ein, dass die Position, in der er sich gerade einrichtet, in fünf Jahren keine Position mehr ist.

Was ein echter Bruch tatsächlich trainiert

Zurück zu meiner Zeit ohne den Rhythmus einer Werbeagentur. Was hat es mir gebracht? Drei Dinge, die mich geprägt haben.

Da ist zunächst der Abstand. In einer Branche, in der Pitches, Zeitdruck und tägliche Befindlichkeiten den Takt vorgeben, geht der Blick auf das Wesentliche schnell verloren. Wer ein Jahr lang über Mietverträge, Hausverwaltung und Eigentümerversammlungen nachdenkt, statt über Social-Strategien, kommt mit einem anderen Bewusstsein zurück. Mit weniger Drang, sich um jeden Preis zu inszenieren. Und mit dem festen Wissen, dass die Welt sich auch dreht, wenn man nicht zum großen internationalen Werbefestival nach Cannes fährt.

Dann eine fast schon banale Erkenntnis: Demut vor Branchen, die ich vorher nicht ernst genommen hatte. Als Eqolot 2020 anrief (damals hießen sie noch Blogfoster), war Influencer Marketing für viele meiner Werbe-Kollegen noch Jugendmode mit zweifelhafter Messbarkeit. Ich hatte den Vorteil, frisch zu sein. Kein altes Wissen, das verteidigt werden musste. Heute ist die Disziplin gesetzt, wächst im Gegensatz zu allen anderen Disziplinen deutlich zweistellig.

Drittens: Mustererkennung. In meinen 30 Jahren habe ich mehrere Formen von Brüchen mitgemacht. Den frühen, als ich Anfang der 2000er bei DDB ausgestiegen bin, um mit meinem Bruder und zwei Freunden den Online-Dienstleister e-rate zu gründen – damals nannte das niemand „Tech-Pivot“, es war einfach Risiko. Den zweiten, als ich nach einem Jahrzehnt als Havas-Europachef 2015 zu Axel Springer ging und nach einem Wechsel im Vorstand feststellen musste, dass es für mich doch nicht mehr der „perfect fit“ war. Und dann der für alle überraschende Bruch 2018 bei TBWA. Wer das mehrfach durchgemacht hat, erkennt früher, wenn etwas kippt. Nicht weil er klüger ist, sondern weil er die Bewegung im Augenwinkel sieht.

Alter wird zum Vorteil – die Daten sind eindeutig

Es hält sich der Mythos, dass Menschen jenseits der 50 schwer für neue Aufgaben zu begeistern sind. Die Daten sprechen eine andere Sprache. Laut einer Studie der Personalmarketingagentur Königsteiner-Gruppe sind über 40 Prozent der 50- bis 65-Jährigen offen für einen Wechsel. Zwei Drittel halten sich heute für genauso produktiv oder produktiver als in ihren Zwanzigern. Stepstone weist in seiner „Age Advantage“-Studie auf einen praktischen Punkt hin: Mit 50 sind die Kinder oft aus dem Gröbsten raus, das Privatleben ist sortiert, der Kopf ist freier für Veränderung.

Was Erfahrung zusätzlich mitbringt, lässt sich schwer in einer Stellenanzeige unterbringen, ist aber Gold wert. Urteilskraft. Die Gelassenheit, eine Prämisse zu hinterfragen, statt der nächsten Lösung hinterherzulaufen. Die Resilienz, einen Pitch zu verlieren, ohne sich anschließend wochenlang selbst zu zerlegen. Und ein Netzwerk, das aus echten Beziehungen besteht. Aus Menschen, die zurückrufen, weil man auch für sie da war, als andere es nicht mehr waren.

Altersdiskriminierung in Recruitingprozessen existiert, daran ist nichts schönzureden. Sie greift dort am stärksten, wo Menschen ihren Wert über die letzte Stellenbeschreibung definieren, statt über das, was sie tatsächlich gestalten könnten. Der Markt hat sich allerdings verschoben. Bei einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung können Unternehmen es sich immer weniger leisten, eine ganze Generation routinemäßig zu übersehen.

Drei Lektionen aus 30 Jahren mit Brüchen

Erstens: Sieh den Neuanfang als Kapital, nicht als Pause. Meine Erfahrungen als Start-up-Unternehmer im Influencer Marketing haben mich an dem Punkt meiner Karriere weitergebracht als in der klassischen Agenturbranche. Ich musste mich in neue Geschäftsmodelle, neue Technologien und eine neue Business-Kultur reinknien. Ich musste die eigenen Annahmen neu sortieren, weil nichts mehr automatisch passte. Das hält beweglich und gedanklich flexibel.

Zweitens: Deine Geschichte ist ein Asset, kein Klotz am Bein. Wer mehrmals beobachtet hat, wie sich eine Branche neu sortiert, sieht die kommende Bewegung früher. Diese Mustererkennung ist vermarktbar. Lass sie nicht in der Schublade. Bewerbungen, die brav „mein Werdegang in chronologischer Reihenfolge“ durchdeklinieren, werden ohnehin zunehmend von KI gelesen – und sortiert. Was sich abhebt, ist die ehrliche Erzählung: Was hast Du gelernt, als es schwierig wurde.

Drittens: Alter ist nicht automatisch Erfahrung. Erfahrung mit Brüchen ist Erfahrung. Zehn Jahre im selben Job sind zehn Jahre Tiefe. Zehn Jahre mit zwei bewussten Wechseln sind zehn Jahre Tiefe plus zwei Perspektiven. In Märkten mit immer schnelleren Innovationszyklen ist das eine wertvolle Währung.

Der Moment gehört denen, die sich bewegen

Wenn nur noch ein Drittel der Beschäftigten überhaupt zum Wechsel bereit ist, wird die Konkurrenz um die spannenden Rollen dünn. Unternehmen, die in dieser Phase aktiv aufbauen – die B+D-Gruppe wächst gerade um 14 Prozent Honorarumsatz und im Bereich Personal um rund 20 Prozent – suchen nicht ausschließlich den glatten Lebenslauf. Sie suchen Leute, die in mehreren Branchen, in mehreren Positionen gestanden haben – und möglicherweise auch gelernt haben, mit Brüchen und Rückschlägen umzugehen. Genau dort liegt heute der Wert.

Ich hätte 2020 vermutlich auch eine bequeme Anschlusslösung in einer Networkagentur gefunden. Heute bin ich froh, dass ich es nicht versucht habe. Die zwölf Monate dazwischen waren das beste Investment in meine zweite Berufshälfte, das ich machen konnte. Wer gerade vor einer ähnlichen Frage steht, sollte die Rechnung einmal andersherum aufmachen: Nicht „Was kostet mich der Bruch?“, sondern „Was kostet es mich, ihn nicht zu wagen?“.

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