Ein italienisches Tech-Unternehmen aus Mailand will an die Nasdaq – und könnte dabei eine Bewertung von rund 20 Milliarden Dollar erreichen. Bending Spoons, bekannt für den Kauf und die Weiterentwicklung etablierter Apps wie Evernote, WeTransfer und Meetup, hat vertraulich einen IPO-Antrag eingereicht. Damit reiht sich das Unternehmen in die wachsende Liste europäischer Tech-Firmen ein, die für ihren Börsengang den US-Kapitalmarkt dem europäischen vorziehen.

Vom Mailänder Start-up zur globalen App-Schmiede

Was 2013 als kleine App-Entwicklerfirma in Mailand begann, hat sich zu einem der wertvollsten privaten Tech-Unternehmen Europas entwickelt. Bending Spoons verfolgt eine klare Strategie: Das Unternehmen kauft etablierte Software-Produkte und Apps, optimiert sie und bringt sie auf Wachstumskurs. Diese Strategie hat sich als äußerst profitabel erwiesen.

Die Zahlen sprechen für sich: Für 2025 wird ein Umsatz von etwa 1,31 Milliarden Dollar erwartet. Noch beeindruckender ist das prognostizierte bereinigte EBITDA für 2026, das bei rund 1,4 Milliarden Dollar liegen soll. Diese Profitabilität unterscheidet Bending Spoons von vielen anderen Tech-Unicorns, die zwar schnell wachsen, aber noch keine schwarzen Zahlen schreiben.

Die Reichweite des Unternehmens ist beachtlich: Mehr als eine Milliarde Menschen haben nach eigenen Angaben bereits Produkte von Bending Spoons genutzt. Rund 300 Millionen Nutzer sind monatlich aktiv, und etwa neun bis zehn Millionen davon zahlen für Premium-Funktionen. Diese Konversionsrate von kostenlosen zu zahlenden Nutzern gilt in der Branche als solide Grundlage für nachhaltiges Wachstum.

Ein Portfolio mit Wiedererkennungswert

Wer sich das Portfolio von Bending Spoons ansieht, erkennt schnell die Strategie dahinter. Das Unternehmen konzentriert sich auf Marken, die bereits eine etablierte Nutzerbasis haben, aber Potenzial für Optimierung und Monetarisierung bieten. Zu den bekanntesten Übernahmen zählen Evernote, die Notiz-App, die jahrelang als Produktivitäts-Standard galt, sowie WeTransfer, der beliebte Dateitransfer-Dienst.

Auch Meetup, die Plattform für lokale Interessengruppen, und die Videostreaming-Plattform Vimeo gehören mittlerweile zum Portfolio. Weitere bekannte Namen sind Eventbrite, Brightcove, StreamYard, die Foto-App Remini, die Fahrrad-App komoot und sogar die traditionsreiche Marke AOL. Diese Vielfalt zeigt, dass Bending Spoons nicht auf eine einzelne Produktkategorie setzt, sondern ein breites Spektrum digitaler Dienste abdeckt.

Finanzierung und Investoren mit Weitblick

Die jüngste Finanzierungsrunde im Oktober 2025 brachte dem Unternehmen 710 Millionen Dollar ein und bewertete es mit 11,7 Milliarden Dollar. Diese Runde wurde von namhaften Investoren getragen, allen voran Baillie Gifford, der schottische Vermögensverwalter, der auch früh in Tesla und Amazon investierte. Weitere Investoren sind Durable Capital, Endeavor Catalyst und interessanterweise auch Schauspieler Ryan Reynolds, der sich zunehmend als Tech-Investor einen Namen macht.

Diese Investoren bringen nicht nur Kapital, sondern auch Expertise und Netzwerke mit. Baillie Gifford ist bekannt für langfristiges Denken und die Unterstützung von Unternehmen mit klaren Wachstumsstrategien. Die Beteiligung solcher institutionellen Investoren signalisiert Vertrauen in das Geschäftsmodell und die Fähigkeit des Managements, die ambitionierten Ziele zu erreichen.

Das frische Kapital soll vor allem für weitere Übernahmen verwendet werden. Der geplante Börsengang würde diese Kriegskasse noch einmal deutlich aufstocken und Bending Spoons zusätzliche Feuerkraft für die Akquisitionsstrategie geben.

Warum die Nasdaq und nicht Mailand oder Frankfurt?

Die Entscheidung für einen IPO an der Nasdaq statt an einer europäischen Börse ist symptomatisch für einen größeren Trend. Europäische Tech-Unternehmen suchen zunehmend den US-Kapitalmarkt auf, weil sie dort höhere Bewertungen, mehr Liquidität und eine breitere Investorenbasis erwarten. Revolut, das britische Fintech-Unicorn, liebäugelt ebenfalls mit einem US-Börsengang, ebenso wie Klarna aus Schweden und der finnische Wearable-Hersteller Oura.

Die Gründe dafür sind vielfältig: US-Investoren sind oft bereit, höhere Bewertungsmultiplikatoren für wachstumsstarke Tech-Unternehmen zu zahlen. Zudem bietet die Nasdaq eine größere Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit von institutionellen Investoren weltweit. Die Handelsvolumina sind höher, was für Aktionäre bessere Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten bedeutet.

Die Kehrseite der Medaille für Europa

Für den europäischen Tech-Standort ist diese Entwicklung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits zeigt sie, dass Europa in der Lage ist, erfolgreiche Tech-Unternehmen hervorzubringen, die global wettbewerbsfähig sind. Andererseits offenbart sie die strukturellen Schwächen der europäischen Kapitalmärkte. Wenn die erfolgreichsten Unternehmen des Kontinents für ihren Börsengang in die USA gehen, fehlt Europa nicht nur die Wertschöpfung, sondern auch die Vorbildwirkung für die nächste Generation von Gründern.

Die Diskussion um einen stärkeren europäischen Kapitalmarkt ist nicht neu, aber Fälle wie Bending Spoons geben ihr neue Dringlichkeit. Solange europäische Börsen nicht die gleiche Attraktivität wie ihre US-Pendants bieten, wird sich dieser Trend fortsetzen. Die Politik hat das Problem erkannt, aber konkrete Verbesserungen lassen auf sich warten.

Offene Fragen zum geplanten Börsengang

Der vertrauliche IPO-Antrag bei der Nasdaq unter dem Ticker BSP ist erst der erste Schritt. Viele Details sind noch nicht öffentlich bekannt. Die angestrebte Bewertung von 20 Milliarden Dollar stammt aus Medienberichten und ist keine offizielle Zielmarke des Unternehmens. Die tatsächliche Bewertung wird vom Marktumfeld zum Zeitpunkt des Börsengangs abhängen.

Auch der genaue Zeitpunkt des IPOs steht noch nicht fest. Die Kapitalmärkte haben in den vergangenen Monaten Volatilität gezeigt, was die Planung erschwert. Bending Spoons wird vermutlich ein günstiges Zeitfenster abwarten, in dem die Investorenstimmung positiv und die Bereitschaft für hohe Bewertungen gegeben ist. Die Preisrange für die Aktien und das genaue Volumen der platzierten Anteile werden erst kurz vor dem IPO bekannt gegeben.

Ein Modell mit Zukunftspotenzial

Das Geschäftsmodell von Bending Spoons unterscheidet sich von klassischen Tech-Start-ups. Statt ein einzelnes Produkt zu entwickeln und zu skalieren, baut das Unternehmen ein Portfolio komplementärer Software-Produkte auf. Dieser Ansatz bietet mehrere Vorteile: Das Risiko ist breiter gestreut, Cross-Selling-Potenziale können genutzt werden, und die operative Expertise in der Optimierung von Apps lässt sich auf verschiedene Produkte anwenden.

Die Fähigkeit, übernommene Apps zu verbessern und profitabler zu machen, ist der Kern der Wertschöpfung. Bending Spoons nutzt dafür eigene Technologie-Plattformen, Datenanalyse und ein eingespieltes Team von Entwicklern und Produktmanagern. Diese operative Exzellenz ist schwerer zu kopieren als eine einzelne App-Idee und bietet einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil.

Der Börsengang könnte dieses Modell auf die nächste Stufe heben. Mit zusätzlichem Kapital und der erhöhten Sichtbarkeit als börsennotiertes Unternehmen könnte Bending Spoons noch größere Übernahmen tätigen und sein Portfolio weiter ausbauen. Die Frage ist, ob das Unternehmen auch nach dem IPO die Agilität und Innovationskraft bewahren kann, die es bisher ausgezeichnet haben.

Mehr als nur ein weiterer Börsengang

Der geplante IPO von Bending Spoons ist mehr als nur eine weitere Erfolgsgeschichte aus dem europäischen Tech-Ökosystem. Er zeigt, dass es möglich ist, aus Europa heraus ein global wettbewerbsfähiges Software-Unternehmen aufzubauen, das profitabel wächst und eine klare Strategie verfolgt. Gleichzeitig unterstreicht er die Notwendigkeit, europäische Kapitalmärkte attraktiver zu machen, wenn der Kontinent seine besten Tech-Unternehmen nicht dauerhaft an die USA verlieren will.

Für Investoren und Beobachter der Branche wird der Börsengang ein Gradmesser dafür sein, wie der Markt Software-Rollup-Modelle bewertet und welche Bewertungsmultiplikatoren für europäische Tech-Firmen in den USA möglich sind. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Bending Spoons die angestrebten 20 Milliarden Dollar erreichen kann – und was das für die nächste Generation europäischer Tech-Unternehmen bedeutet.

techfundingnews.com – Italy’s Bending Spoons files for Nasdaq IPO targeting $20B as software empire built from a $40k seed heads to public markets

thenextweb.com – Bending Spoons files for a US IPO on Nasdaq

sifted.eu – Bending Spoons files for US IPO

sifted.eu – Hundreds of millions in revenue and three acquisitions in 2024

bendingspoons.com – Bending Spoons | Impossible. Maybe.

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