München geht in die Offensive: Oberbürgermeister Dominik Krause fordert internationale Tech-Konzerne auf, sich am Werkswohnungsbau zu beteiligen. In den USA ist dieses Engagement längst Realität – Google, Amazon und andere investieren Milliarden in bezahlbaren Wohnraum. Während Bayern diesen Vorstoß begrüßt, bleibt die Frage: Werden die Tech-Giganten auch in Deutschland Verantwortung übernehmen?

Wenn Wachstum zur Wohnungsfrage wird

Die bayrische Landeshauptstadt steht vor einer Herausforderung, die viele Metropolen kennen: Der Wohnungsmarkt ist angespannt, Tausende Wohnungen fehlen, und die Preise bewegen sich auf einem Niveau, das selbst gut verdienende Fachkräfte an ihre Grenzen bringt. Gleichzeitig siedeln sich immer mehr internationale Unternehmen an, allen voran Tech-Konzerne wie Google, die ihre Präsenz ausbauen und hochqualifizierte Mitarbeiter in die Stadt bringen.

Dominik Krause sieht in dieser Entwicklung nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung. „Internationalität ist eine Bereicherung für die Stadt. Und natürlich findet die stärkste wirtschaftliche Entwicklung momentan im IT-Bereich statt“, erklärt der Grünen-Politiker. Seine Botschaft ist klar: Unternehmen, die von Münchens Infrastruktur und Talentpool profitieren, sollten auch zur Lösung der Wohnungsfrage beitragen.

Diese Forderung ist nicht neu gedacht. Bereits vor Jahrzehnten haben Unternehmen wie Siemens mit Werkswohnungen vorgemacht, wie betriebliches Engagement und soziale Verantwortung Hand in Hand gehen können. Krause will dieses Modell wiederbeleben – angepasst an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts und die finanziellen Möglichkeiten globaler Konzerne.

Rückendeckung aus der Politik

Christian Bernreiter, Bauminister in Bayern, stellt sich hinter den Vorstoß des Oberbürgermeisters. Seine Argumentation ist pragmatisch: Die Schaffung von Wohnraum funktioniere am besten als Zusammenspiel verschiedener Akteure – privat, staatlich und kommunal. „Wenn Unternehmen ebenfalls Wohnraum schaffen, um im Wettbewerb um die besten Fachkräfte ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern, ist das nur zu begrüßen“, so der CSU-Politiker. Die Zustimmung aus dem Bauministerium verleiht Krauses Forderung politisches Gewicht und zeigt: Das Thema wird ernst genommen.

Was in den USA längst funktioniert

Während in Deutschland noch diskutiert wird, haben US-amerikanische Tech-Konzerne bereits Fakten geschaffen. Amazon kündigte Anfang 2021 einen Fonds mit einem Volumen von zwei Milliarden US-Dollar an, um 20.000 leistbare Wohnungen zu bauen und zu erhalten. Der Fokus liegt auf Standorten, an denen Amazon stark vertreten ist – etwa in Arlington, Virginia.

Das Projekt „Crystal House“ zeigt, wie dieses Engagement konkret aussieht. Amazon stellte der Non-Profit-Organisation Washington Housing Conservancy ein Darlehen über 340 Millionen Dollar sowie einen Zuschuss von 42 Millionen Dollar zur Verfügung. Das Ergebnis: ein Wohnkomplex mit Concierge-Service, Dachterrasse und Schwimmbecken, der auch für Haushalte mit mittlerem und niedrigem Einkommen zugänglich ist.

Google, Facebook und Microsoft ziehen nach. Facebook sicherte im kalifornischen East Palo Alto 94 günstige Wohnungen im Bestandsobjekt „Light Tree Apartments“ und ermöglichte den Bau von 91 weiteren Einheiten – darunter Wohnungen für Obdachlose und Familien mit behinderten Mitgliedern. Insgesamt stellte der Konzern eine Milliarde US-Dollar für bezahlbare Wohnungen bereit, inklusive eines Programms für Lehrer. Die Zielgruppen gehen also weit über die eigenen Mitarbeiter hinaus.

Google investierte ebenfalls eine Milliarde US-Dollar in die Region um San Francisco. Entwickler erhielten zu günstigen Konditionen Grundstücke für den Bau von Mietwohnungen. Ein zusätzlicher Fonds mit 250 Millionen US-Dollar unterstützte den Bau von 5000 Wohnungen für kleine und mittlere Einkommen. Die Tech-Giganten agieren dabei nicht als Bauherren, sondern als Kapitalgeber – sie stellen Projektentwicklern, Wohnungsunternehmen und Organisationen günstige Darlehen und Zuschüsse zur Verfügung.

Deutschland wartet noch auf konkrete Signale

In Deutschland sind Google, Amazon und Co. mit großen Niederlassungen vertreten. Absichten, in den Wohnungsbau zu investieren, sind hierzulande bisher allerdings nicht bekannt. Die Frage ist: Warum nicht? Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich, die regulatorischen Anforderungen sind andere, und möglicherweise fehlt auch der politische Druck, der in den USA durch die extremen Wohnkosten in Tech-Hubs entstanden ist. Krauses Vorstoß könnte der Anstoß sein, den es braucht, um diese Diskussion in Gang zu bringen.

Kritiker des Modells könnten einwenden, dass Unternehmen sich nicht in die Stadtentwicklung einmischen sollten. Doch die Realität zeigt: Wenn Konzerne Tausende hochbezahlte Mitarbeiter in eine Stadt bringen, verändert das den Wohnungsmarkt ohnehin. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sie Verantwortung übernehmen. Werkswohnungen oder geförderte Wohnbauprojekte können ein Weg sein, diesen Effekt abzufedern und gleichzeitig die eigene Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern.

Mehr als nur ein Benefit für Mitarbeiter

Das US-amerikanische Modell zeigt: Es geht nicht nur darum, den eigenen Mitarbeitern günstigen Wohnraum zu bieten. Die Tech-Konzerne adressieren breitere gesellschaftliche Herausforderungen – von Obdachlosigkeit über fehlende Lehrerwohnungen bis hin zu barrierefreiem Wohnen. Diese Herangehensweise macht das Engagement glaubwürdiger und gesellschaftlich akzeptierter. Unternehmen positionieren sich als Teil der Lösung, nicht als Teil des Problems.

Für München und andere deutsche Städte mit angespannten Wohnungsmärkten könnte dieses Modell einen Unterschied machen. Die finanziellen Möglichkeiten der Tech-Konzerne sind vorhanden, die Expertise im Projektmanagement ebenfalls. Was fehlt, ist der Wille – oder vielleicht auch die richtige Ansprache. Krauses Forderung ist ein erster Schritt, um das Thema auf die Agenda zu setzen.

Ein Modell mit Zukunft für deutsche Metropolen

Die Frage, ob internationale Konzerne eine gesellschaftliche Verantwortung für den Wohnungsbau tragen, ist berechtigt. München hat mit seinem Vorstoß eine Debatte angestoßen, die über die bayrische Landeshauptstadt hinausgeht. Berlin, Hamburg, Frankfurt – überall dort, wo Tech-Unternehmen expandieren, stellt sich dieselbe Frage. Die Beispiele aus den USA zeigen, dass dieses Engagement funktionieren kann, wenn die richtigen Partner zusammenkommen und die Strukturen passen. Ob die Tech-Giganten in Deutschland nachziehen, wird sich zeigen. Die politische Unterstützung jedenfalls ist da. Jetzt liegt es an den Unternehmen, zu zeigen, dass sie ihre Rolle nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft ernst nehmen.

haufe.de – Tech-Konzerne sollen Werkswohnungen bauen (Christian Hunziker)

Augsburger-allgemeine.de – München nimmt Großkonzerne in die Pflicht: Sie sollen selbst Wohnungen bauen

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