• Der Ölpreis steigt um über 5 Prozent auf 95 Dollar pro Barrel – ausgelöst durch neue Spannungen am Persischen Golf.
  • Trotz wackeliger Waffenruhe zwischen USA und Iran bleiben asiatische Aktienmärkte überraschend stabil.
  • Die Zahl der Schiffe, die durch die Straße von Hormus fahren, wird zum wichtigsten Risikoindikator für die Märkte.

Die Märkte erleben eine gespaltene Realität: Während der Ölpreis deutlich anzieht und europäische Futures nachgeben, zeigen sich asiatische Börsen bemerkenswert widerstandsfähig. Der Grund liegt in der fragilen Situation am Persischen Golf, wo eine bis Dienstag vereinbarte Waffenruhe nach der Beschlagnahmung eines iranischen Frachtschiffs durch die USA auf der Kippe steht. Teherans Militärführung kündigte bereits Vergeltung an.

Wenn der Golf zum Nadelöhr wird

Die Straße von Hormus entwickelt sich zum neuralgischen Punkt der Weltwirtschaft. Iran hatte die Meerenge faktisch geschlossen, doch Schiffstracking-Daten zeigen ein differenziertes Bild: Am Samstag passierten mehr als 20 Schiffe mit Öl, Metallen, Gas und Düngemitteln die strategisch wichtige Wasserstraße – der geschäftigste Tag seit Anfang März. Brent-Rohöl reagierte dennoch mit einem Sprung um etwa 5,3 Prozent auf 95,16 Dollar pro Barrel.

S&P 500-Futures gaben um rund 0,6 Prozent nach, europäische Futures verloren 1,1 Prozent. Die Märkte preisen das Risiko einer Eskalation ein, während gleichzeitig Hoffnung auf eine diplomatische Lösung besteht. „Die Schlagzeilen sehen schlecht aus, es wirkt nach Uneinigkeit, was zu einer leichten Re-Eskalation geführt hat“, analysiert Damien Boey, Portfoliostratege bei Wilson Asset Management in Sydney. „Aber ich denke, letztlich wollen beide Seiten einen Deal – das ist ein Grund, warum der Markt optimistisch bleibt und nicht stärker abverkauft.“

Asiens Börsen trotzen der Krise

Die Aktienmärkte in Seoul, Taipeh und Tokio zeigen sich überraschend robust. Taiwans Börse erreichte ein Rekordhoch, die beiden anderen notierten nicht weit davon entfernt. Der Hang Seng in Hongkong legte 0,8 Prozent zu, Japans Nikkei kletterte um 1 Prozent und Südkoreas KOSPI gewann 1,4 Prozent. Diese Entwicklung steht im Kontrast zu den Sorgen westlicher Investoren und zeigt unterschiedliche Einschätzungen der Eskalationsrisiken. Anleihen, die am Freitag noch zugelegt hatten, gaben nach. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg um 2,2 Basispunkte auf 4,266 Prozent. Der Dollar stabilisierte sich nach zweiwöchigen Verlusten bei 158,8 Yen und 1,1760 Dollar je Euro.

Wenn Banken Alarmsignale senden

Eines der deutlichsten Warnsignale kam von Australiens größter Geschäftsbank. Die National Australia Bank kündigte eine Wertberichtigung von 500 Millionen Dollar an, weil sie aufgrund des Konflikts mit steigenden Kreditausfällen rechnet. Diese Vorsichtsmaßnahme zeigt, wie ernst etablierte Finanzinstitute die Situation einschätzen.

Gleichzeitig lehnte Iran neue Friedensgespräche mit den USA ab, wie die staatliche Nachrichtenagentur am Sonntag meldete. Das geschah nur Stunden nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, Gesandte zu Gesprächen nach Pakistan zu schicken – und mit neuen Angriffen auf Iran zu drohen, sollte Teheran seine Bedingungen nicht akzeptieren. Die diplomatischen Fronten bleiben verhärtet, während die Märkte auf Signale der Entspannung hoffen.

„Unser Basisszenario ist nach wie vor eine Lösung des Konflikts. Trump konzentriert sich weiterhin auf die Zwischenwahlen im November“, schreibt Paul Chew, Forschungsleiter bei Phillip Securities in Singapur, in einer Kundennotiz. Diese Einschätzung spiegelt die Hoffnung wider, dass innenpolitische Erwägungen in Washington einen Kompromiss begünstigen könnten.

Der neue Risikoindikator heißt Schiffszählung

Die Wall Street hatte am Freitag noch Rekordhöhen erreicht, getragen von Erwartungen solider Quartalsergebnisse, deren Großteil in dieser Woche veröffentlicht wird. Doch die Aufmerksamkeit der Händler richtet sich zunehmend auf einen ungewöhnlichen Indikator: die Anzahl der Schiffe, die durch die Straße von Hormus fahren.

„Der kritische Gradmesser für geopolitisches Risiko hat sich auf einen einzigen Datenpunkt verdichtet: Die Zahl der Schiffe, die die Straße von Hormus passieren“, erklärt Bob Savage, Leiter der Makrostrategie bei BNY. „Friedensgespräche sind wichtig, aber der unmittelbare Fokus liegt auf Öl und anderen Versorgungsengpässen, die die Inflation antreiben.“

Wenn Daten auf Diplomatie treffen

Neben den geopolitischen Entwicklungen stehen in dieser Woche wichtige Wirtschaftsdaten an. Britische Inflationszahlen, US-Einzelhandelsumsätze und europäische Einkaufsmanagerindizes werden erwartet. Diese Veröffentlichungen könnten unter normalen Umständen die Märkte bewegen, doch der Fokus bleibt auf der Schifffahrt im Golf.

Die Situation zeigt, wie schnell sich die Prioritäten der Märkte verschieben können. Was normalerweise als makroökonomische Schlüsseldaten gilt, tritt in den Hintergrund, wenn fundamentale Versorgungsrisiken auftreten. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die diplomatischen Bemühungen Früchte tragen oder ob die Waffenruhe endgültig zusammenbricht. Für Unternehmen mit globalen Lieferketten und energieintensiven Produktionsprozessen bleibt die Lage angespannt – Risikomanagement und flexible Beschaffungsstrategien gewinnen an Bedeutung.

MarketScreener – Oil jumps, stocks wobble as Mideast tensions reignite

Reuters – Oil jumps, stocks wobble as Mideast ceasefire hangs in the balance (Tom Westbrook)

CNA – Oil jumps, stocks wobble as Mideast ceasefire hangs in the balance

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