Das Smartphone verliert seinen Status als zentrale Computing-Plattform. Qualcomm-CEO Cristiano Amon arbeitet mit seiner neuen Snapdragon Wear Elite Plattform an einer breiten Palette von KI-Wearables, die Sprache, Sehen und Hören als natürlichere Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine etablieren sollen.

Die neue Geräteklasse entsteht jetzt

Cristiano Amon formuliert es klar: „Was wir jetzt sehen, ist eine neue Geräteklasse“, sagte der Qualcomm-Chef im Handelsblatt-Interview. Das Smartphone werde nicht verschwinden, aber deutlich in den Hintergrund treten. An seine Stelle rücken Brillen, Kopfhörer, Pins, Pendants und Uhren – Geräte, die näher am Körper getragen werden und direkter mit unseren natürlichen Sinnen interagieren.

Die strategische Neuausrichtung ist mehr als eine Vision. Qualcomm hat im März 2026 die Snapdragon Wear Elite Plattform vorgestellt, die genau für diese Zukunft entwickelt wurde. Die Plattform bringt erstmals eine leistungsfähige NPU für On-Device-KI in Wearables und ermöglicht damit KI-Verarbeitung direkt auf dem Gerät statt nur in der Cloud.

Personal AI at the edge statt Cloud-Abhängigkeit

Qualcomm beschreibt seine neue Plattform als Grundlage für „Personal AI at the edge“. Damit meint das Unternehmen KI-Erfahrungen, die personalisiert und direkt auf dem Gerät stattfinden. Der Vorteil: schnellere Reaktionszeiten, besserer Datenschutz und geringerer Energieverbrauch. Die Geräte sind laut Qualcomm „no longer simply extensions of the smartphone“, sondern eigenständige Knoten in einem verteilten KI-Netzwerk.

Die ersten kommerziellen Geräte mit Snapdragon Wear Elite sollen in den nächsten Monaten verfügbar sein. Qualcomm nennt als Zielgeräte ausdrücklich Watches, Pins, Pendants, Brillen, Kopfhörer, Earbuds und Ringe. Jedes dieser Formfaktoren bedient einen spezifischen Anwendungsfall und eine andere Art der Interaktion.

Warum Brillen und Kopfhörer das Smartphone überholen

Amon bringt den Kern der Verschiebung auf den Punkt: Brillen oder Kopfhörer seien „natürlicher“ als ein Bildschirm in der Hand. Sprache, Sehen und Hören würden Teil der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Diese Aussage markiert einen Paradigmenwechsel in der Art, wie wir mit Technologie umgehen.

Ein Smartphone erfordert aktive Aufmerksamkeit – ihr müsst es aus der Tasche holen, entsperren und auf einen Bildschirm schauen. Ein KI-fähiges Wearable am Ohr oder vor den Augen ist hingegen immer präsent, ohne aufdringlich zu sein. Es kann Kontext erfassen, ohne dass ihr aktiv werden müsst. Es kann Informationen liefern, ohne euren Blick zu binden.

In einem CNBC-Interview präzisierte Amon seine Zeitvorstellung: Die nächsten Geräteklassen würden sich innerhalb weniger Jahre am Markt zeigen. Er nannte dabei ausdrücklich „glasses and pendants“ als Beispiele. Diese Formulierung zeigt, dass Qualcomm nicht an ferner Zukunft arbeitet, sondern an Produkten für die unmittelbare Gegenwart.

Die Technologie hinter dem Formfaktor-Wechsel

Die Snapdragon Wear Elite Plattform ist das technische Fundament für Amons Vision. Sie bringt drei entscheidende Komponenten zusammen: einen leistungsfähigen Prozessor für komplexe Berechnungen, eine spezialisierte NPU für KI-Aufgaben und energieeffiziente Konnektivität für die Vernetzung mehrerer Geräte. Diese Kombination ermöglicht es Wearables, Aufgaben zu übernehmen, für die bisher ein Smartphone notwendig war.

Die On-Device-KI ist dabei der Schlüssel. Sie erlaubt personalisierte Interaktionen ohne Verzögerung durch Cloud-Kommunikation. Ein Beispiel: Smart Glasses mit Kamera können visuellen Kontext erfassen und direkt verarbeiten – etwa um Objekte zu erkennen, Texte zu übersetzen oder Navigationshilfen einzublenden. All das geschieht lokal auf dem Gerät, ohne dass Daten an externe Server gesendet werden müssen.

Vom zentralen Bildschirm zum verteilten Netzwerk

Qualcomms Strategie zielt nicht darauf ab, das Smartphone durch ein einzelnes neues Gerät zu ersetzen. Stattdessen entsteht ein Ökosystem aus spezialisierten Wearables, die zusammenarbeiten. Die Uhr am Handgelenk erfasst Gesundheitsdaten, die Brille liefert visuelle Informationen, die Kopfhörer ermöglichen Sprachinteraktion. Das Smartphone bleibt als Rechenknoten und Datenspeicher im Hintergrund, tritt aber als primäre Schnittstelle zurück.

Diese Verteilung hat praktische Vorteile. Ihr müsst nicht mehr ständig zum Smartphone greifen, um Informationen abzurufen oder Befehle zu geben. Die Interaktion wird flüssiger und weniger unterbrechend. Gleichzeitig bleibt die Komplexität der Systeme im Hintergrund verborgen – ihr erlebt nur das Ergebnis, nicht die Technik dahinter.

Marktchancen für Hersteller und Entwickler

Für Gerätehersteller eröffnet Qualcomms Plattform neue Geschäftsfelder jenseits des gesättigten Smartphone-Markts. Pins und Pendants als tragbare KI-Assistenten, Smart Glasses für professionelle Anwendungen, Ringe für diskrete Gesundheitsüberwachung – jedes Formfaktor bedient eine Nische, die zusammen einen großen Markt ergeben kann. Die breite Partnerunterstützung für Snapdragon Wear Elite deutet darauf hin, dass viele Hersteller diese Chance bereits erkannt haben.

Für Entwickler bedeutet die neue Plattform Zugang zu leistungsfähiger Hardware in kompakten Formfaktoren. KI-Anwendungen, die bisher nur auf Smartphones oder in der Cloud liefen, können nun auf Wearables portiert werden. Das eröffnet Möglichkeiten für neue App-Kategorien und Geschäftsmodelle. Besonders interessant sind Anwendungen, die mehrere Wearables gleichzeitig nutzen und deren Sensordaten kombinieren.

Herausforderungen auf dem Weg zur neuen Plattform

Der Übergang vom Smartphone zu Wearables als dominanter Plattform ist kein Selbstläufer. Nutzer müssen überzeugt werden, mehrere Geräte zu tragen statt eines. Die Akkulaufzeit bleibt bei kompakten Wearables eine Herausforderung. Und die Benutzeroberflächen müssen so intuitiv werden, dass sie ohne Bildschirm und Tastatur auskommen.

Qualcomm adressiert diese Herausforderungen mit technischen Lösungen: energieeffiziente Prozessoren für längere Laufzeiten, KI für intuitive Sprachsteuerung und Gesteninteraktion, verbesserte Sensoren für präzisere Kontexterfassung. Ob das ausreicht, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die ersten Geräte mit Snapdragon Wear Elite werden der Lackmustest sein.

Die Computing-Plattform wird unsichtbar

Amons Vision läuft auf eine Zukunft hinaus, in der Computing unsichtbar wird. Statt auf einen Bildschirm zu starren, interagiert ihr mit Technologie über natürliche Kanäle – Sprache, Blick, Gesten. Die Geräte verschwinden am Körper, ihre Präsenz wird selbstverständlich. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur Smartphone-Ära, in der das Gerät im Mittelpunkt steht.

Diese Entwicklung hat Konsequenzen für Produktdesign, User Experience und Geschäftsmodelle. Erfolgreiche Wearables werden nicht die sein, die am meisten auffallen, sondern die, die am wenigsten stören. Sie werden nicht durch Features überzeugen, sondern durch nahtlose Integration in den Alltag. Und sie werden nicht einzeln verkauft, sondern als Teil eines Ökosystems positioniert.

Qualcomm positioniert sich mit seiner Wearable-Offensive als Enabler dieser Transformation. Das Unternehmen liefert die Technologie, auf der andere aufbauen können. Ob diese Strategie aufgeht, hängt davon ab, ob genug Partner mitmachen und ob Nutzer bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Smartphone tatsächlich in den Hintergrund tritt – oder ob es seine zentrale Rolle behält.

qualcomm.com – Qualcomm Powers the Rise of Personal AI with New Snapdragon Wear Elite Platform (Qualcomm Technologies Inc.)

qualcomm.com – Wearable Technology | Wearables & Electronics Devices

handelsblatt.com – Qualcomm-Chef: Verliert das Smartphone seine Vormachtstellung?

cnbc.com – Qualcomm CEO Cristiano Amon – AI Agents Are Coming (Arjun Kharpal)

qualcomm.com – Cristiano Amon | President & CEO

(c) Foto: picture alliance