Der Verteidigungssektor befindet sich im Wandel. Zunehmend setzen Rüstungs-Startups Komponenten und Produktionsverfahren aus zivilen Industrien ein. Dazu zählen die Automobil-, Fracking- und Pharmabranche.
Ziel ist es, die Lieferung von Waffensystemen an das Pentagon zu beschleunigen und kostengünstiger zu gestalten. Diese strategische Neuausrichtung ist eine Reaktion auf eine erhöhte Nachfrage nach Raketenmotoren. Der russische Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 sowie ein US-Angriff auf den Iran (Zeitpunkt in den Quellen nicht präzisiert) trugen dazu bei.
Seit Februar 2022 hat das Pentagon über 50.000 Raketen, Flugkörper und andere von Raketenmotoren angetriebene Projektile eingesetzt. Die US-Regierung investiert 53 Milliarden US-Dollar, um die gestiegene Produktion zu sichern, und vereinfacht die Beschaffungsregeln. Etablierte Rüstungskonzerne wie Lockheed, Boeing und der Raytheon-Mutterkonzern RTX warnten vor Engpässen bei Feststoffraketenmotoren.
Diese könnten die Raketenproduktion erheblich behindern.
Innovation durch zivile Technologien
Dieser Druck schafft Raum für agile Startups, die traditionelle Pfade verlassen. Firmen wie Castelion, Anduril und X-Bow Systems adaptieren Industrielösungen für militärische Anwendungen. Castelion, ein kalifornisches Startup mit einer Bewertung von fast 3 Milliarden US-Dollar, konzentriert sich auf die Herstellung von Feststoffraketenmotoren und Hyperschallwaffen.
Castelion erhielt einen Marineauftrag über 105 Millionen US-Dollar zur Produktion von über 500 Hyperschallwaffen für die F/A-18. Sean Pitt, COO von Castelion, betont die Vorteile ziviler Technologien. Er wies darauf hin, dass Prozessoren aus der Automobilindustrie, sogenannte Field-Programmable Gate Arrays, zu einem Zehntel der Kosten und sechsmal schneller beschafft werden können als vergleichbare Versionen der Luft- und Raumfahrtindustrie.
Laut Pitt sind Fracking-Rohre zudem so konstruiert, dass sie Temperaturen und Drücken standhalten, die für Raketenmotoren erforderlich sind. Sie werden von deutlich mehr Anbietern und zu geringeren Preisen verkauft als die Äquivalente der Luft- und Raumfahrtindustrie.
Effizienzsteigerung durch Pharmatechnik
Anduril, ein weiterer wichtiger Akteur mit einer Bewertung von 61 Milliarden US-Dollar, nutzt pharmazeutische Mischtechnologien, um die Produktion von Raketenmotor-Treibstoffen zu optimieren. Durch den Einsatz von blattlosen Mischern des Unternehmens FlackTek konnte Anduril den Produktionsdurchsatz im Vergleich zu früheren Mischsystemen mehr als verzehnfachen. Die FlackTek-Mischer sind laut Quellenangaben mehr als 24-fach leistungsfähiger als herkömmliche Industriemischer.
X-Bow Systems aus New Mexico arbeitet an der kostengünstigen Herstellung von Feststoffraketenmotoren durch den 3D‑Druck von Treibmitteln und Motoren. Überdies investieren etablierte Hersteller wie Northrop Grumman und L3Harris in neue Fertigungsverfahren, darunter den 3D‑Druck und innovative Mischtechnologien. Northrop Grumman schätzt, dass der Einsatz von 3D-gedruckten Polymerwerkzeugen die Zeit für die Einrichtung einer Produktionslinie für Raketenmotoren von etwa einem Jahr auf sechs Wochen reduzieren kann.
Eine neue Produktionslinie für 3D-gedruckte Motoren könnte laut Schätzung in drei Monaten statt in drei Jahren betriebsbereit sein.
Ukrainische Strategie: Eigenproduktion und Tech-Fokus
Ähnliche Tendenzen zeigen sich über die US-Beschaffung hinaus. Die Ukraine, deren anfängliche Verteidigung stark von externen Waffenlieferungen abhing, verändert seit 2023 ihre Strategie. Dawyd Alojan, stellvertretender Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine, erklärte, dass das Land im Jahr 2022 jede Unterstützung dankbar annahm, da es keine eigenen Ressourcen besaß.
Ab 2023 jedoch mussten sie „klüger und strategischer vorgehen“ und die eigene Verteidigungsindustrie aktiv aufbauen.
Alojan bezeichnet 2025 als „Jahr der Skalierung dieser Verteidigungstechnologien“. Dazu gehören die Massenproduktion von Bodenrobotern und eine weitere Ausweitung der Drohnenproduktion. Für 2026 nennt er einen Schwerpunkt auf „der Umsetzung komplexerer Softwarelösungen, mit KI und so weiter“.
Alojan bewertet 2026 als einen wichtigen Beleg für die Transformation des Landes. Es wandelt sich von einem Land, das auf externe Hilfe angewiesen war, zu einer Nation, die nicht nur fähig, sondern auch bereit ist, gewonnene Erkenntnisse zu teilen und zur gemeinsamen Verteidigung beizutragen.
Herausforderungen und Marktausblick
Trotz dieser innovativen Ansätze der Startups bleiben Herausforderungen bestehen. Tom Karako, Direktor des Missile Defense Project beim Think Tank Center for Strategic and International Studies, beschreibt den „painstaking, multi-step manufacturing process of casting, curing, baking, x-raying and sanding that solid-fuel rocket motors require – followed by rigorous inspection.“ Er ergänzt, dass „curing ovens and X-ray equipment remain a bottleneck for the industry.“
Qualitätssicherung, Zertifizierung und die Skalierung der Produktion sind weiterhin entscheidende Faktoren für die Integration neuer Akteure in die Verteidigungslandschaft. Etablierte Hersteller investieren in neue Technologien. Die langfristigen Folgen für Lieferketten und Investitionsströme bleiben ein Thema der Debatte.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich das Zusammenspiel von Startups und etablierten Herstellern auf die globale Sicherheitsarchitektur auswirkt.












