- Der S&P 500 hat alle Verluste seit Kriegsbeginn Ende Februar wieder wettgemacht – trotz anhaltender Spannungen mit dem Iran.
- Wall Street folgt seit 14 Monaten einem klaren Muster: Kaufen bei jeder Eskalation, verkaufen bei Entspannungssignalen.
- Neun der zehn besten Handelstage seit Trumps zweiter Amtszeit wurden durch Deeskalationssignale ausgelöst.
Es klingt paradox: Während sich die Lage im Nahen Osten weiter zuspitzt und US-Präsident Trump eine Seeblockade gegen iranische Häfen verhängt, steigt die Wall Street auf neue Jahreshochs. Der S&P 500 schloss am Montag mit einem Plus von 1,02 Prozent bei 6.886,24 Punkten – und liegt damit erstmals seit Kriegsausbruch am 28. Februar wieder im positiven Bereich. Der Nasdaq legte 1,23 Prozent zu, der Dow Jones gewann 301 Punkte, nachdem er zwischenzeitlich über 400 Punkte im Minus gelegen hatte. Was steckt hinter diesem scheinbar irrationalen Marktverhalten?
Ein Tweet bewegt Hunderte Millionen Dollar
Der Handelstag begann mit Verlusten von knapp einem Prozent über alle Indizes hinweg. Doch um 7:46 Uhr morgens setzte eine Kehrtwende ein, die zeigt, wie nervös und reaktionsfreudig die Märkte derzeit sind. Caitlin Doornbos, Pentagon-Reporterin der New York Post, postete auf X, dass iranische Vertreter weiterhin einen US-Vorschlag zur Beendigung des Krieges prüfen würden, der sich um die Urananreicherung drehe. Sie ergänzte, dass iranische Unterhändler während der Gespräche in Islamabad ihren obersten Entscheidungsträger in Teheran aus Sicherheitsgründen nicht erreichen konnten.
Der Beitrag verbreitete sich rasant. Brent-Rohöl fiel innerhalb kürzester Zeit um etwa vier Prozent auf rund 4,50 Dollar pro Barrel – ein Bewegungsvolumen von Hunderten Millionen Dollar allein beim Front-Month-Kontrakt. Doornbos erhielt Hunderte Antworten auf ihren Post, in denen sie als Lügnerin, Marktmanipulatorin und Handlangerin des Trump-Regimes bezeichnet wurde. Um 11 Uhr morgens sah sie sich gezwungen, klarzustellen: Ihr ursprünglicher Beitrag enthielt keinerlei neue Informationen. Sie hatte lediglich wiederholt, was bereits bekannt war – dass sich Gespräche um das Atomabkommen drehen, wie Vizepräsident JD Vance bereits erklärt hatte.
„Das hat sich unnötig hochgeschaukelt“, schrieb Doornbos in ihrem zweiten Post. Brent-Rohöl kletterte daraufhin wieder, erreichte kurzzeitig 103 Dollar, bevor es erneut nachgab, als Trump auf Truth Social verkündete, die „richtigen Leute“ im Iran hätten ihn angerufen und wollten wirklich einen Deal.
Die TACO-Strategie macht Händler reich
Wer das Muster erkannt hat, konnte außergewöhnliche Gewinne einfahren. Wall Street nennt es mittlerweile die TACO-Strategie – „Trump Always Chickens Out“, zu Deutsch: Trump kneift immer. Der Begriff wurde von Robert Armstrong, Kolumnist der Financial Times, geprägt, nachdem Trump im April 2025 seine angekündigten „Liberation Day“-Zölle abrupt aussetzte. Was als Scherz begann, ist längst zu einer ernstzunehmenden Handelsstrategie geworden, die erhebliche Liquidität bewegt.
Die Zahlen sprechen für sich: Neun der zehn besten Handelstage für den S&P 500 seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit wurden durch Anzeichen von Deeskalation ausgelöst – entweder bei Zöllen oder beim Iran-Konflikt. Ein Händler, der ausschließlich diese zehn Sitzungen erwischt hätte, säße auf einer kumulierten Rendite von 35 Prozent, während der Index im gleichen Zeitraum nur etwa 13 Prozent zulegte. Die Märkte wurden über 14 Monate und mindestens neun separate Deeskalationsphasen konditioniert, bei jeder Trump-Eskalation den Rücksetzer zu kaufen.
Fundamentaldaten stützen den Optimismus
Die Rally basiert nicht allein auf psychologischen Mustern. Mike Wilson von Morgan Stanley erklärte Kunden in einer Sonntagsnotiz, dass der Iran-bedingte Ausverkauf eine Korrektur innerhalb eines laufenden Bullenmarktes darstelle. Die Gewinne beschleunigten sich trotz des Ölpreisschocks, anstatt einzubrechen. Das mittlere Unternehmen im S&P 500 steigert seine Gewinne pro Aktie inzwischen im zweistelligen Prozentbereich – das schnellste Wachstum seit 2021.
„Der Markt handelt im Vorgriff auf die Schlagzeilen“, schrieb Wilson. „Investoren sollten dasselbe tun.“ Diese Einschätzung erklärt, warum Händler selbst auf vage Andeutungen oder mehrdeutige Statements reagieren. Sie wetten nicht darauf, dass der Konflikt morgen endet, sondern dass die Wahrscheinlichkeit einer Entspannung höher ist als die einer weiteren Eskalation. Selbst als Trump am Montagnachmittag auf Truth Social drohte, jedes iranische Schiff zu „ELIMINIEREN“, das sich der Blockade nähere, hielt die Rally.
Wenn Märkte auf Autopilot schalten
Das Verhalten der Wall Street wirft grundlegende Fragen auf. Warum sollten professionelle Investoren auf einen einzelnen Tweet einer Reporterin reagieren, der später als inhaltsleer entlarvt wird? Warum vertrauen sie Aussagen von Trump, einer offensichtlich parteiischen Quelle? Die Antwort liegt in der Konditionierung durch wiederholte Muster. Nach über einem Jahr ähnlicher Zyklen haben sich Reflexe entwickelt, die rational schwer zu rechtfertigen sind, aber statistisch profitabel waren.
Die Gespräche in Islamabad sind am Wochenende nach 21 Stunden gescheitert, obwohl beide Seiten sich offenbar ernsthaft bemühten. Trump hat das Risiko einer Seeblockade auf sich genommen, die einen weiteren heißen Krieg auslösen und US-Truppen zurück in den Konflikt ziehen könnte. Die objektive Lage deutet eher auf eine Verschärfung als auf eine baldige Lösung hin. Trotzdem kauft Wall Street.
Dieses Phänomen zeigt, wie sehr Märkte von Erwartungen und Mustern getrieben werden – manchmal mehr als von fundamentalen Entwicklungen. Für Händler, die das Spiel verstehen, ergeben sich Chancen. Für langfristige Investoren bleibt die Frage, wie lange dieser Pavlovsche Reflex noch funktioniert, bevor die Realität einholt.
Zwischen Euphorie und Realitätsverweigerung
Die aktuelle Marktsituation illustriert einen klassischen Konflikt zwischen kurzfristiger Handelsdynamik und langfristigen Fundamentaldaten. Während die Gewinnentwicklung der Unternehmen tatsächlich stark bleibt, ignorieren die Märkte systematisch geopolitische Risiken, die früher zu deutlicheren Abschlägen geführt hätten. Die TACO-Strategie funktioniert, solange Trump tatsächlich zurückzuckt – doch was passiert, wenn er es einmal nicht tut?
Für euch als Unternehmer und Investoren bedeutet das: Die aktuellen Marktbewegungen folgen weniger rationalen Bewertungsmodellen als vielmehr gelernten Verhaltensmustern. Wer diese Muster versteht und nutzen kann, findet Chancen. Wer sie ignoriert und auf fundamentale Logik setzt, läuft Gefahr, profitable Bewegungen zu verpassen. Gleichzeitig steigt mit jedem erfolgreichen TACO-Trade die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste schiefgeht – ein klassisches Tail-Risk-Szenario.
Der Markt als Stimmungsbarometer
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Wall Street derzeit weniger die Realität des Iran-Konflikts handelt als vielmehr Trumps wahrgenommene Bereitschaft zum Rückzug. Jede Andeutung von Verhandlungen wird als Kaufsignal interpretiert, jede Drohung als temporäres Rauschen. Diese Dynamik hat den S&P 500 zurück ins Plus gebracht, obwohl der Krieg weitergeht und eine US-Seeblockade in Kraft ist.
Für die kommenden Wochen wird entscheidend sein, ob sich das Muster fortsetzt oder ob eine echte Eskalation die Konditionierung durchbricht. Bis dahin verdient Wall Street am Konflikt – nicht durch Waffenverkäufe, sondern durch geschicktes Timing bei Ein- und Ausstiegen. Ein zynisches Spiel, aber eines, das funktioniert, solange alle Beteiligten mitspielen.
AOL – Wall Street is the biggest winner of the Iran war—and the S&P 500 just turned positive for the year
yahoo!finance – Wall Street is the biggest winner of the Iran war—and the S&P 500 just turned positive for the year
fortune.com – Wall Street is the biggest winner of the Iran war—and the S&P 500 just turned positive for the year (Eva Roytburg)












