Der deutsche Lebensmittelmarkt zeigt ein faszinierendes Paradoxon: Während Medien und Industrie über vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und digitale Shopping-Innovationen diskutieren, orientieren sich Verbraucher im Alltag an ganz anderen Faktoren. Die neue KPMG-Studie in Kooperation mit dem EHI offenbart, dass Preis, Verfügbarkeit und Alltagstauglichkeit die tatsächlichen Kaufentscheidungen dominieren – und das bei durchschnittlich 4,49 Einkäufen pro Woche.
Preis schlägt Prinzip: Was Verbraucher wirklich antreibt
Fakt ist: 85,9 Prozent der Befragten nennen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis als entscheidenden Faktor bei der Wahl ihrer Einkaufsstätte. Fast drei Viertel der Konsumenten vergleichen regelmäßig die Preise verschiedener Produkte. Gute Erreichbarkeit bewerten 86,5 Prozent als wichtig oder sehr wichtig. Diese funktionale Orientierung prägt den deutschen Lebensmittelmarkt stärker als jeder Ernährungstrend.
Supermärkte und Discounter bleiben die unangefochtenen Anlaufstellen im Alltag. 77,5 Prozent der Verbraucher besuchen regelmäßig Supermärkte, 77 Prozent Discounter. Diese Dominanz zeigt, dass trotz wachsender Produktvielfalt und neuer Vertriebskanäle die etablierten Formate ihre Position behaupten. Der Lebensmitteleinkauf bleibt hochfrequent, aber pragmatisch organisiert.
„Der Lebensmitteleinkauf wird zunehmend situativ und fragmentiert – bei anhaltend hoher Preisorientierung und steigenden Anforderungen an Vielfalt und digitale Ansprache“, erklärt Stephan Fetsch, EMA Head of Retail and Consumer Goods bei KPMG. Seine Einschätzung trifft den Kern: Verbraucher jonglieren zwischen verschiedenen Anforderungen, ohne dabei ihre Grundorientierung zu verlieren.
Ernährungstrends in der Nische: Wo alternative Konzepte punkten
Omnivore Ernährung bildet mit 58 Prozent weiterhin den gesellschaftlichen Standard. Flexitarische, vegetarische und vegane Ernährungsformen gewinnen jedoch in spezifischen Zielgruppen an Bedeutung. Jüngere und urbane Konsumenten zeigen deutlich vielfältigere Ernährungsprofile. In Städten werden pflanzliche Milchalternativen, Fleischersatzprodukte und funktionale Lebensmittel sichtbar häufiger gekauft als im ländlichen Raum. Diese Gruppen nutzen ergänzend Bioläden, Spezialgeschäfte, Märkte oder Drogerien – ihre Einkaufsroutinen unterscheiden sich messbar vom Mainstream. Die Studie zeigt damit eine zunehmende Segmentierung des Marktes entlang von Lebensstilen und geografischen Faktoren.
Digitale Tools als Ergänzung, nicht als Ersatz
Rabatt- und Couponaktionen in Apps nutzen mittlerweile 68,6 Prozent der Befragten. Diese hohe Akzeptanz zeigt, dass digitale Angebote dort ankommen, wo sie einen konkreten Mehrwert bieten. Klassische physische Handzettel behalten jedoch mit 52,5 Prozent eine beachtliche Relevanz. Der Online-Lebensmittelhandel konzentriert sich auf bestimmte Zielgruppen, insbesondere jüngere und urbane Kundschaft.
Social Media Beiträge, KI-Empfehlungen oder spezialisierte Onlineangebote spielen im tatsächlichen Lebensmitteleinkauf bislang eine untergeordnete Rolle. Die digitale Transformation im Lebensmittelhandel verläuft selektiver als oft angenommen. Verbraucher integrieren digitale Tools pragmatisch in ihre bestehenden Routinen, revolutionieren diese aber nicht grundlegend.
Die Diskrepanz zwischen Debatte und Realität
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die sichtbare Lücke zwischen öffentlicher Aufmerksamkeit und tatsächlichem Einkaufsverhalten. Während gesellschaftliche Debatten sich stark auf Nachhaltigkeit, Ernährungstrends oder digitale Innovationen fokussieren, bleiben Konsumentscheidungen im Alltag durch Routine, Preisorientierung, Verfügbarkeit und Alltagstauglichkeit geprägt.
„Die Studie zeigt sehr deutlich, dass Ernährung und Lebensmitteleinkauf heute zwar zunehmend mit Gesundheit, Identität und individuellen Lebensstilen verbunden werden, der tatsächliche Konsumalltag jedoch weiterhin stark pragmatisch organisiert bleibt“, erklärt Dr. Tobias Röding vom EHI. Viele Konsumenten priorisieren funktionale Faktoren wie Preis, Erreichbarkeit und einfache Integration in den Alltag, während ökologische Nachhaltigkeit im tatsächlichen Einkaufsverhalten häufig in den Hintergrund rückt.
Diese Erkenntnis hat weitreichende Implikationen für Handel und Industrie. Marketingstrategien, die ausschließlich auf Trends und Werte setzen, erreichen möglicherweise nur einen kleinen Teil der Zielgruppe. Die Masse der Verbraucher trifft ihre Entscheidungen nach anderen Kriterien.
Was Händler und Hersteller daraus lernen können
Für Handel, Industrie und Verbraucherkommunikation bedeutet dies eine Neujustierung der Strategie. Ernährungstrends und digitale Innovationen sollten stärker entlang realer Alltags- und Nutzungssituationen entwickelt und kommuniziert werden. Die Studie liefert eine datenbasierte Grundlage, um aktuelle Konsumrealitäten differenzierter zu verstehen.
Erfolgreiche Konzepte werden jene sein, die Trendelemente mit pragmatischen Vorteilen verbinden. Ein veganes Produkt muss nicht nur ethisch überzeugen, sondern auch preislich wettbewerbsfähig, gut verfügbar und einfach in den Alltag integrierbar sein. Digitale Angebote punkten dort, wo sie echte Mehrwerte wie Zeitersparnis oder Kostenvorteile bieten.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Der Weg nach vorn
Die KPMG-Studie zeichnet das Bild eines Marktes im Spannungsfeld. Verbraucher bewegen sich zwischen wachsenden Ansprüchen an Vielfalt, Gesundheit und Nachhaltigkeit einerseits und hartnäckigen Alltagsrealitäten andererseits. Diese Komplexität erfordert von Unternehmen ein tieferes Verständnis für die tatsächlichen Kaufmotive ihrer Zielgruppen. Die Diskrepanz zwischen Trend und Realität ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein strukturelles Merkmal moderner Konsummärkte. Wer diese Dynamik versteht und in seine Strategie einbezieht, positioniert sich erfolgreicher als jene, die ausschließlich den lauten Trends folgen.
stores-shops.de – KPMG Consumer Barometer: Zwischen Lebensstil und Preisorientierung (Dr. Tobias Röding, Stephan Fetsch)
lebensmittelzeitung.net – Konsumenten bleiben beim Einkauf pragmatisch
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