Deutschland hat ein Forschungsproblem – aber nicht das, was viele vermuten. Es mangelt nicht an Spitzenforschung oder technologischen Durchbrüchen. Die Lücke klafft dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse in skalierbare Unternehmen überführt werden sollen. Genau hier setzt die Kooperation zwischen der Joachim Herz Stiftung und der Berliner Investmentplattform Marvelous an: Mit einem 20-Millionen-Euro-Fonds wollen sie DeepTech-Ausgründungen aus der Wissenschaft den Weg in den Markt ebnen.
Warum eine Stiftung jetzt zum VC-Investor wird
Die Joachim Herz Stiftung betritt mit dem Marvelous Scito Fund Neuland. Erstmals investiert die Hamburger Stiftung einen Teil ihres Kapitals über einen eigenen Venture-Capital-Fonds in junge Unternehmen. Der Fokus liegt dabei auf DeepTech-Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen. „Wir haben in Deutschland exzellente Forschende und aussichtsreiche frühphasige DeepTech-Start-ups“, erklärt Ulrich Müller, Finanzvorstand der Stiftung. Die Strategie verfolgt zwei Hebel: die Förderung anwendungsbezogener Forschung und Investitionen in vielversprechende Geschäftsmodelle.
Die Entscheidung ist konsequent. Seit Jahren unterstützt die Stiftung mit ihrer Initiative DEEP Forschungseinrichtungen und Forscherteams beim Aufbau markt- und investmentfähiger Gründungsteams. Mit DEEP Pioneers arbeitet sie eng mit Technology Transfer Offices zusammen, um technologiegetriebene Gründungsvorhaben zu identifizieren und mit passenden Gründerpersönlichkeiten sowie Kapitalgebern zu vernetzen. Der neue VC-Fonds ergänzt diese Arbeit um die fehlende Komponente: Kapital für die kritische Phase zwischen Prototyp und Markteinführung.
Wie der Marvelous Scito Fund funktioniert
Der Fonds startet mit einem Volumen von 20 Millionen Euro, wobei die Joachim Herz Stiftung als alleiniger Ankerinvestor auftritt. Das Portfolio wird in den kommenden Jahren sukzessive aufgebaut und umfasst sowohl Direktinvestitionen als auch Investitionen in andere Venture-Capital-Fonds. Die Direktinvestitionen orientieren sich an den für frühe Finanzierungsphasen üblichen Größenordnungen – typischerweise zwischen 250.000 Euro und drei Millionen Euro. Damit fokussiert der Fonds schwerpunktmäßig auf Pre-Seed-, Seed- und frühe Series-A-Phasen.
Die thematische Ausrichtung konzentriert sich zunächst auf Neue Materialien und Ressourceneffizienz. Investiert wird in Vorhaben mit fortgeschrittenem technologischem Reifegrad am Übergang zur Marktreife. Dabei berücksichtigt die Stiftung neben Rendite auch wirkungs- und missionsbasierte Kriterien, die zum Stiftungsziel passen: Innovation und Transfer aus der Spitzenforschung zu fördern. Ulrich Müller betont, dass die Stiftung auch im Venture-Capital-Bereich langfristig marktgerechte Renditen anstrebt.
Die Rolle von Marvelous als operativer Brückenbauer
Marvelous übernimmt deutlich mehr als klassisches Fondsmanagement. Die Berliner Investmentplattform fungiert als spezialisierter Asset-Manager und führt einen strukturierten Auswahlprozess für alle Investments durch. In ausgewählten Fällen prüft Marvelous, ob ergänzende Finanzierungen durch Drittinvestoren eingeworben werden können. Diese Kombination aus eigenem Kapital und der Fähigkeit, weitere Investoren zu mobilisieren, erhöht die Schlagkraft erheblich.
Besonders wertvoll ist die operative Einheit Marvelous Catalyst. Sie unterstützt Start-ups praxisnah dabei, die Brücke zur Industrie zu schlagen. Konkret geht es um Marktvalidierung, Pilotierung und den Abschluss von Abnahmeverträgen mit Industriepartnern. Für DeepTech-Ausgründungen ist dieser Industrieanschluss oft der kritische Erfolgsfaktor. Während klassische VC-Fonds nach der Investition vor allem bei Folgerunden helfen, adressiert Marvelous Catalyst die spezifischen Herausforderungen wissenschaftsbasierter Gründungen: den Übergang von der Laborumgebung in die industrielle Anwendung.
Die Kooperation kombiniert damit drei Elemente, die für DeepTech-Start-ups entscheidend sind: Kapital mit langem Anlagehorizont, spezialisierte VC-Expertise und Zugang zu Industrienetzwerken. Marvelous fungiert als Schnittstelle zwischen Forschung, Start-up und Industrie – eine Rolle, die im deutschen Innovationsökosystem bisher kaum systematisch besetzt war.
Die zehn-Milliarden-Euro-Lücke im deutschen DeepTech-Markt
Die Kooperation adressiert ein massives Strukturproblem. In Deutschland droht bis 2030 im DeepTech-Segment eine jährliche Wachstumskapitallücke von rund zehn Milliarden Euro. Diese Lücke entsteht nicht aus Mangel an Ideen oder Forschungsqualität. Sie klafft dort, wo wissenschaftliche Durchbrüche in skalierbare Unternehmen überführt werden sollen. DeepTech-Start-ups brauchen deutlich mehr Kapital und längere Entwicklungszyklen als klassische Software- oder Consumer-Gründungen. Gleichzeitig sind die Risiken höher und die Exits komplexer.
Traditionelle Venture-Capital-Fonds scheuen oft das hohe technologische Risiko und die langen Kapitalbindungsfristen. Stiftungskapital mit seinem langfristigen Anlagehorizont kann hier eine Lücke schließen. Die Joachim Herz Stiftung positioniert sich damit als Innovationsmotor, der gemeinnütziges Kapital gezielt für den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Lösungen einsetzt. Dieser Ansatz könnte Signalwirkung für andere institutionelle Investoren entwickeln.
Welche Start-ups vom Fonds profitieren können
Der Scito Fund sucht gezielt nach Ausgründungen und technologieorientierten Start-ups in frühen Entwicklungsphasen. Neben Neuen Materialien und Ressourceneffizienz gehören auch Bereiche wie Robotics und Waste Valorization zu den Zielfeldern. Die Stiftung konzentriert sich dabei auf Vorhaben, die wirksame Lösungen für Herausforderungen wie Klimaschutz, Ressourcenknappheit und Fachkräftemangel versprechen.
Für Start-ups bedeutet die Kooperation mehr als nur Kapital. Durch die Anbindung an Marvelous Catalyst erhalten sie Zugang zu einem strukturierten Programm für Industrialisierung und Skalierung. Die operative Unterstützung bei der Marktvalidierung und beim Aufbau erster Kundenbeziehungen kann gerade für wissenschaftsgetriebene Teams den Unterschied zwischen Scheitern und Durchbruch bedeuten. Viele Forscherteams verfügen über herausragende technologische Kompetenz, aber wenig Erfahrung im Aufbau von Geschäftsmodellen und Vertriebsstrukturen.
Was die Kooperation über die Zukunft des deutschen Innovationssystems verrät
Die Partnerschaft zwischen Joachim Herz Stiftung und Marvelous zeigt einen Paradigmenwechsel. Stiftungen verstehen sich zunehmend nicht nur als Förderer von Forschung, sondern als aktive Investoren in den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Stiftung erweitert ihre bisherige, unternehmerisch ausgerichtete Vermögensanlage gezielt um die Asset-Klasse Venture Capital. Damit reagiert sie auf eine Erkenntnis: Förderung allein reicht nicht aus, um wissenschaftsbasierte Innovationen in die Anwendung zu bringen.
Die Kombination aus Stiftungskapital und spezialisierter VC-Plattform könnte zum Modell für andere Akteure werden. Universitäten, Forschungseinrichtungen und andere Stiftungen beobachten genau, wie sich dieser Ansatz entwickelt. Besonders interessant ist die Frage, ob die Kombination aus langfristigem Kapital, wirkungsorientierter Ausrichtung und operativer Unterstützung tatsächlich die Erfolgsquote von DeepTech-Ausgründungen erhöhen kann.
Für das deutsche Innovationsökosystem könnte die Kooperation einen wichtigen Impuls setzen. Sie zeigt, dass die oft beklagte Lücke zwischen Forschung und Markt nicht nur durch mehr Förderung, sondern durch intelligentere Verbindung von Kapital, Expertise und Netzwerken geschlossen werden kann.
Warum DeepTech jetzt strategische Priorität hat
Die Fokussierung auf DeepTech ist kein Zufall. Technologien aus Bereichen wie Neue Materialien, Ressourceneffizienz oder Robotics werden für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend entscheidend. Sie adressieren fundamentale Herausforderungen von Klimawandel bis Rohstoffknappheit. Gleichzeitig bieten sie Deutschland die Chance, seine Stärke in der Grundlagenforschung in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen.
Die Joachim Herz Stiftung verfolgt dabei einen klaren Ansatz: Sie unterstützt riskante, interdisziplinäre und anwendungsbezogene Forschungsvorhaben an den Schnittstellen zwischen Ingenieur- und Naturwissenschaften. Mit dem Scito Fund schließt sie nun den Kreis zwischen Forschungsförderung, Gründungsunterstützung und Wachstumsfinanzierung. Diese integrierte Strategie über die gesamte Innovationskette hinweg unterscheidet die Stiftung von vielen anderen Akteuren im Feld.
Der lange Atem zahlt sich aus
Die Kooperation zwischen Joachim Herz Stiftung und Marvelous ist mehr als ein weiterer VC-Fonds. Sie verbindet Stiftungskapital mit langem Anlagehorizont, spezialisierte Fondsexpertise und operative Unterstützung für wissenschaftsbasierte Gründungen. Mit 20 Millionen Euro und einem klaren Fokus auf DeepTech-Ausgründungen in den Bereichen Neue Materialien und Ressourceneffizienz adressiert der Marvelous Scito Fund eine der größten Lücken im deutschen Innovationssystem.
Für Start-ups aus der Wissenschaft bedeutet das konkret: mehr Kapital in frühen Phasen, besseren Zugang zu Industriepartnern und professionelle Begleitung beim Übergang von der Forschung in den Markt. Für das deutsche Innovationsökosystem könnte die Kooperation zum Modell werden, wie Stiftungskapital als Innovationsmotor wirken kann. Der Erfolg wird sich an der Zahl der Start-ups messen lassen, die den Sprung von der Wissenschaft in skalierbare Unternehmen schaffen. Mit dem Scito Fund steigen die Chancen dafür erheblich.
joachim-herz-stiftung.de – Joachim Herz Stiftung investiert künftig auch in Venture Capital (Ulrich Müller)
starting-up.de – Neuer DeepTech-Fonds: 20 Mio. Euro von Marvelous & JHS
joachim-herz-stiftung.de – Von der Forschung zum Deep Tech Startup
startbase.de – Startupnews zum Wochenende KW 21/26
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