- Focused Energy plant in Biblis das erste kommerzielle Laserfusionskraftwerk der Welt – mit Fertigstellung bis 2037
- Das Darmstädter Start-up nutzt den Durchbruch des Lawrence Livermore National Laboratory und verfügt über einen mehrjährigen Technologievorsprung
- Hessen investiert über 40 Millionen Euro und positioniert sich als Leitstandort für saubere Fusionsenergie
Die Energiewende bekommt einen neuen Spieler: Auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Biblis entsteht eine Technologie, die Sonnenenergie auf der Erde nachbildet. Focused Energy, ein Start-up aus Darmstadt, will dort das erste kommerzielle Laserfusionskraftwerk errichten. Die Technologie verspricht klimaneutrale Energie ohne langlebige radioaktive Abfälle – und könnte Deutschland zum Vorreiter einer neuen Energieära machen.
Von der Fission zur Fusion: Warum Biblis der ideale Standort ist
Die Wahl des Standorts ist kein Zufall. Wo früher Atomkraft erzeugt wurde, soll nun Fusionsenergie entstehen – eine symbolträchtige Transformation. Die bestehende Infrastruktur macht Biblis besonders attraktiv: Stromleitungen, Kühlsysteme und Gebäude sind bereits vorhanden. Eine Machbarkeitsstudie mit dem Titel „From Fission to Fusion“ bestätigte das Potenzial.
Im Juli 2024 unterzeichneten Focused Energy und RWE Nuclear eine Absichtserklärung. RWE stellt Gebäude in der Rückbauanlage zur Verfügung, die zu einem Forschungslabor und einer Pilotanlage umgebaut werden. Der Energiekonzern investiert zehn Millionen Euro und wird strategischer Partner für den geplanten Fusionsforschungs- und Innovationscampus. „In Biblis soll das weltweit erste Laserfusionskraftwerk entstehen“, erklärt Thomas Forner, CEO und Mitgründer von Focused Energy.
Wie Laserfusion funktioniert – Sonnenkraft im Labor
Das Prinzip klingt futuristisch, basiert aber auf bewährter Physik. Bei der Laserfusion, auch Inertial Confinement Fusion genannt, treffen Hochleistungslaser aus allen Richtungen auf winzige Kügelchen mit einem Durchmesser von nur zwei Millimetern. Diese enthalten Wasserstoffisotope – Deuterium und Tritium. Die gebündelte Laserenergie erzeugt extreme Bedingungen: Temperaturen wie im Sonnenkern lassen die Wasserstoffatome zu Helium verschmelzen. Dabei wird Energie frei.
Ein einzelnes dieser Kügelchen enthält so viel Energie wie eine Elektroauto-Batterie. In der Reaktorkammer, die etwa zehn bis zwölf Meter Durchmesser haben wird, sollen zehn Zündungen pro Sekunde stattfinden. Das ergibt eine Fusionsleistung von zwei Gigawatt. Die Technologie unterscheidet sich grundlegend von der Kernspaltung: Es gibt keine Kettenreaktion, kein Risiko eines Meltdowns und keine langlebigen radioaktiven Abfälle.
Der Durchbruch aus Kalifornien als Grundlage
Focused Energy baut auf einem historischen Erfolg auf. Im Dezember 2022 gelang Wissenschaftlern am National Ignition Facility des Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien ein Meilenstein: Sie erzeugten erstmals mehr Fusionsenergie, als sie mit den Lasern hineingesteckt hatten. Aus 2,05 Megajoule Laserenergie wurden 3,15 Megajoule Fusionsenergie – ein Netto-Gewinn von 154 Prozent.
Mehrere dieser Wissenschaftler arbeiten heute bei Focused Energy. Das Unternehmen beschäftigt rund 80 Mitarbeiter aus zwölf Nationen und hält Patente auf zentrale Kraftwerkskomponenten. In einem 2.000 Quadratmeter großen Target-Labor in Darmstadt entwickelt das Team die Brennstoffkügelchen weiter und führt Hochleistungslaser-Experimente durch. Bis 2026 sollen die ersten acht Hochleistungslaser getestet werden.
Mehr als nur Energie: Industrielle Nebenprodukte mit Milliardenpotenzial
Die Laserfusionstechnologie bietet einen zusätzlichen Nutzen, der schon vor dem ersten Kraftwerk Geld bringen könnte. Als Nebenprodukt entstehen lasergetriebene Neutronenquellen, sogenannte Laser-Driven Radiation Sources. Diese ermöglichen zerstörungsfreie Hochauflösungsprüfungen von Brücken, Containern, Behältern oder anderen Industrieanlagen – ohne die bisher nötigen großen und teuren Teilchenbeschleuniger.
Die Pilotanlage in Biblis soll auch als erste laserbasierte Neutronenquelle für den Industrieeinsatz dienen. Experten schätzen das Marktpotenzial auf Milliardenhöhe. Focused Energy baut damit nicht nur ein Kraftwerk, sondern ein ganzes Industrieökosystem für Laserfusion in Europa. Das Unternehmen vernetzt Hightech-Firmen, Mittelstand und Forschungseinrichtungen – ein Ansatz, der 2025 mit dem Hessen-Champion-Preis in der Kategorie Innovation ausgezeichnet wurde.
Warum Laserfusion die Energiewende beschleunigen kann
Die Vorteile der Technologie sind beachtlich. Fusionsenergie ist klimaneutral, erzeugt keine CO₂-Emissionen und benötigt keine fossilen Brennstoffe. Sie kann rund um die Uhr laufen – unabhängig von Wetter oder Tageszeit. Das macht sie zur idealen Ergänzung für Wind- und Solarkraft, die naturgemäß schwanken.
Die Energiedichte ist enorm. Mit einigen Dutzend Reaktoren ließe sich ein Drittel des deutschen Strombedarfs decken. Der Footprint ist dabei kleiner als bei alternativen Fusionsansätzen wie Tokamaks, die auf magnetischen Einschluss setzen. Langfristig soll Fusionsstrom günstiger werden als Energie aus Kohle. „Saubere und günstige Energie“, fasst es die IHK Darmstadt zusammen.
Hessen als Leitstandort: Millionen für die Zukunft
Die Politik hat das Potenzial erkannt. Hessen investiert über 40,5 Millionen Euro in Forschungs- und Entwicklungsanlagen in Darmstadt und Biblis. Allein 2025 fließen 20 Millionen Euro in das Projekt. Die WIBank und das Land Hessen begleiten Focused Energy als Leitstandort-Projekt. Ziel ist es, Hessen als Modellregion für die Transformation von Fissions- zu Fusionsstandorten zu etablieren.
Die Investitionen schaffen hochwertige Arbeitsplätze und stärken die Exportkraft deutscher Technologie. Focused Energy positioniert sich als „Made in Germany“-Schlüsselindustrie der Zukunft. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben einen mehrjährigen Technologievorsprung gegenüber Wettbewerbern – durch das Target-Labor, patentierte Komponenten und einen konkreten Kommerzialisierungsplan.
Herausforderungen auf dem Weg zum ersten Kraftwerk
Trotz der Fortschritte bleiben technische Hürden. Die Laser-Plasma-Instabilitäten müssen weiter reduziert werden, um die Effizienz zu steigern. Forschungsprojekte in Deutschland und Tschechien arbeiten daran. Auch die Skalierung von Laborexperimenten zu einem industriellen Kraftwerk ist komplex.
Focused Energy rechnet mit einer Marktreife Mitte der 2030er Jahre. Das Kraftwerk in Biblis soll bis 2035 oder 2037 in Betrieb gehen. Andere Start-ups weltweit verfolgen ähnliche Ziele, doch Focused Energy profitiert vom direkten Zugang zu LLNL-Expertise und der Unterstützung etablierter Partner wie RWE. Die Kooperation mit einem großen Energiekonzern verschafft Glaubwürdigkeit und Ressourcen, die viele Wettbewerber nicht haben.
Deutschlands Chance auf Energiesouveränität
Das Projekt in Biblis ist mehr als ein technisches Experiment. Es ist ein Signal: Deutschland kann bei der Energiewende nicht nur auf Importe setzen, sondern eigene Spitzentechnologie entwickeln. Fusionsenergie könnte die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Energieimporten verringern. Sie bietet eine planbare, grundlastfähige Stromquelle, die das volatile Angebot erneuerbarer Energien ergänzt.
Für Unternehmer bedeutet das neue Geschäftsfelder. Die Laserfusionstechnologie braucht Zulieferer für Optik, Lasertechnik, Materialwissenschaften und Automatisierung. Mittelständische Firmen können Teil einer Wertschöpfungskette werden, die international konkurrenzfähig ist. Focused Energy vernetzt bewusst Forschung und Wirtschaft, um ein Ökosystem zu schaffen, von dem viele profitieren.
Die Transformation von Biblis zeigt, wie Industriestandorte neu gedacht werden können. Statt Rückbau und Leere entsteht ein Innovationscampus für eine Technologie, die in Jahrzehnten Standard sein könnte. Das ist kein Zukunftstraum mehr, sondern ein konkreter Plan mit Zeitplan, Investoren und politischer Rückendeckung.
rwe.com – RWE Nuclear und Focused Energy unterzeichnen Absichtserklärung
wibank.de – Wie wird Hessen zum Leitstandort für Laserfusion?
1e9.community – Das deutsche Start-up Focused Energy will bis 2037 das erste Fusionskraftwerk bauen
hessen-champions.de – Focused Energy GmbH
hessen-agentur.de – Hessen investiert 20 Mio. Euro in Laserfusion
ihk.de – Das Ziel: Saubere und günstige Energie
deutschlandfunk.de – Die Laserfusion zündet – Start-ups versprechen die Zukunft der Energie
ilt.fraunhofer.de – Historischer Durchbruch in der Fusionsforschung: Laser haben die Fusion gezündet
carl-zeiss-stiftung.de – Grundlagen der Laserfusion
(c) Foto: focused-energy.com, Company












