Während klassische Investoren noch über traditionelle Handelsstrategien diskutieren, hat eine neue Generation von Retail-Tradern die Marktvolatilität rund um Donald Trumps zweite Amtszeit in ein eigenes Playbook verwandelt. Mit Strategien wie TACO, FAFO und FOMO reagieren sie auf politische Kursänderungen und geopolitische Schocks – und prägen damit zunehmend das Marktgeschehen. Was hinter diesen Akronymen steckt und wie sich die Dynamiken zwischen Gold, Öl und Anleihen verschieben, zeigt die aktuelle Entwicklung an den Märkten.

TACO-Trade: Wenn der Präsident zurückrudert

Im April 2025 schockierte Trump die Märkte mit der Ankündigung umfassender Importzölle gegen nahezu alle Handelspartner. Globale Aktien- und Anleihenmärkte tauchten ab, Anleger flohen in sichere Häfen. Doch dann kam die Kehrtwende: Trump pausierte, verhandelte mit Peking und anderen Hauptstädten. Einige Investoren begannen zu wetten, dass die Zolldrohungen übertrieben waren und der Präsident zurückweichen würde.

Aus dieser Beobachtung entstand der „TACO-Trade“ – die Annahme, dass „Trump always chickens out“. Spätere Rückzieher bei militärischen Operationen in Venezuela und Iran verstärkten dieses Muster. Investoren testen seither systematisch, wie viel Marktstress die Administration bereit ist zu tolerieren, bevor sie ihre Position anpasst.

Der Druck-Index der Deutschen Bank, der kurzfristige Veränderungen bei Zustimmungswerten, Inflationserwartungen, Aktien und Anleiherenditen kombiniert, erreichte im März den höchsten Stand seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit. Trotz Befürchtungen eines längeren Konflikts im Iran gehen Analysten weiterhin von einer schrittweisen Deeskalation aus – auch wenn Investoren die Schmerzgrenze der Politik permanent austesten.

FAFO-Strategie: Erst der Schock, dann die Korrektur

Die FAFO-Strategie – „fuck around, find out“ – spiegelt die Bereitschaft von Retail-Tradern wider, kurzfristige Schmerzen zu absorbieren und auf politische Kursänderungen zu spekulieren. Trader reagieren aggressiv auf geopolitische Schocks oder Eskalationen, verkaufen Risiko-Assets und treiben Renditen nach oben, bevor sie sich für eine Stabilisierung neu positionieren, sobald der Marktstress eine wahrgenommene politische Schwelle erreicht. Während der Volatilität im Zusammenhang mit US-Aktionen im Iran stieg die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen in frühen Phasen stark an. Investoren verkauften massiv langfristige Anleihen aus Sorge vor Inflation und Haushaltsproblemen. Als sich die Spannungen abschwächten, gingen die Renditen teilweise zurück, stiegen jedoch in den letzten Tagen erneut auf neue Höchststände – getrieben von einem globalen Ausverkauf längerfristiger Anleihen aufgrund von Inflationsängsten durch anhaltende Störungen. Investoren betrachten die Langläufer zunehmend als „Schmerzschwelle“, bei der scharfe Renditespitzen politische Entscheidungsträger zu einer Mäßigung ihrer Haltung bewegen können. Bei anhaltenden geopolitischen Schocks, insbesondere solchen mit Auswirkungen auf Inflation und Wachstum, könnten Märkte jedoch von schnellen Umkehrungen zu tieferen, länger anhaltenden Neubewertungen übergehen – was die Wirksamkeit des FAFO-Handels einschränkt.

FOMO-Trade: Goldrausch oder Ölboom?

Im Jahr 2025 stürzten sich Retail-Investoren massiv auf Gold als sicheren Hafen in unsicheren Zeiten. Der Preis stieg um 66 Prozent – der steilste Anstieg seit 1979. Ein perfekter Sturm aus fallenden Zinsen, geopolitischen Brennpunkten, robusten Zentralbankkäufen und Zuflüssen in goldgedeckte Produkte trieb die Rallye an.

Nach einem Rekordhoch von fast 5.600 Dollar je Unze im Januar fiel Gold jedoch auf rund 4.500 Dollar zurück. Der Grund: Investoren verschoben ihren Fokus nach Trumps Festnahme des damaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dem Beginn des Iran-Kriegs auf Öl. Trump rückte das schwarze Gold ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Preis hat sich seit Januar nahezu verdoppelt, und mit dem Iran-Krieg, der die kritische Straße von Hormus faktisch blockiert, erreichten Brent-Rohöl-Futures am 1. Mai 126 Dollar je Barrel.

Diese Divergenz zwischen Öl und Gold markiert einen Wandel im Anlegerverhalten. Märkte bevorzugen derzeit Energie-Exposure gegenüber traditionellen defensiven Assets. Während eine Serie von direktionalen Wetten auf den Ölpreis kurz vor wichtigen Ankündigungen zum Iran-Krieg – im Wert von Hunderten Millionen Dollar – Marktaufsichtsbehörden alarmierte, spekulieren viele Retail-Investoren weiter darauf, wohin das Pendel als Nächstes ausschlägt. „Ein weiterer Begriff, der an Popularität gewinnen könnte, ist NACHO – ‚Not A Chance Hormuz Opens'“, so Piotr Matys, Senior-FX-Analyst bei In Touch Capital Markets.

Cross-Asset-Whiplash: Wenn Märkte Achterbahn fahren

Der Begriff Cross-Asset-Whiplash beschreibt scharfe und manchmal widersprüchliche Bewegungen über verschiedene Märkte hinweg, während Investoren auf sich ändernde Schlagzeilen reagieren. Der Handel verlief uneinheitlich über Anlageklassen hinweg: Rohstoffe wie Öl werden stärker von spezifischen Angebots- und Nachfragefaktoren getrieben, während traditionelle Korrelationen zwischen anderen Assets weniger konsistent wurden.

Der Peitschenhieb liegt darin, wie schnell sich Positionierungen umkehren. Die Nachfrage nach sicheren Häfen kann bei Zolldrohungen oder Risiken im Nahen Osten sprunghaft ansteigen, nur um zu verblassen, wenn sich Aktienmärkte stabilisieren. Doch während Öl und Gold einen Teil des Risikos absichern können, beginnen höhere Ölpreise möglicherweise, die Inflation anzuheizen und damit potenziell die Renditen nach oben zu treiben, erklärt Lale Akoner, Global Market Strategist bei eToro. „Das ist der Punkt, an dem man beginnt, breitere Cross-Asset-Belastungen zu sehen.“

Für Trader bedeutet dies: Bull und Bear bleiben die Grundlage, doch TACO und FAFO werden Teil der alltäglichen Sprache an den Handelsplätzen. Die Fähigkeit, politische Signale zu deuten und Schmerzgrenzen zu antizipieren, wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einem Marktumfeld, das von rasanten Kehrtwenden geprägt ist.

Neue Spielregeln für volatile Zeiten

Die Entstehung von TACO, FAFO und FOMO als Handelsstrategien zeigt, wie sich Retail-Trader an eine neue Realität anpassen: politische Volatilität ist nicht länger ein störender Faktor, sondern eine handelbare Größe. Diese Strategien funktionieren, weil sie auf beobachtbaren Mustern basieren – Trumps Neigung zu dramatischen Ankündigungen gefolgt von Rückziehern, die Schmerzgrenze der Märkte als politisches Korrektiv und die Verschiebung zwischen verschiedenen Safe-Haven-Assets.

Für euch als Investoren bedeutet das: Die klassischen Regeln gelten weiterhin, doch die Geschwindigkeit der Anpassung hat sich vervielfacht. Wer in diesem Umfeld erfolgreich agieren will, braucht nicht nur ein Verständnis für fundamentale Entwicklungen, sondern auch für die psychologischen Muster und politischen Triggerpunkte, die kurzfristige Bewegungen auslösen. Die Frage ist nicht mehr nur, ob ein Asset langfristig steigt oder fällt – sondern wie schnell und wie oft es auf dem Weg dorthin die Richtung wechselt.

MarketScreener – From TACO to FOMO: How retail traders turned Trump-driven volatility into a playbook

AOL – From TACO to FOMO: How retail traders turned Trump-driven volatility into a playbook

reuters.com – From TACO to FOMO: How retail traders turned Trump-driven volatility into a playbook (Canan Sevgili, Alessandro Parodi, Vera Dvorakova)

(c) Foto – Photo by Andrew Harnik/Getty Images